Warum Fleischesser Veganismus ablehnen

 

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Fast eine Millionen Menschen leben in Deutschland inzwischen vegan. Der Umstieg zur veganen Lebensweise ist für Viele inzwischen ein Statement für mehr Gesundheit, Nachhaltigkeit und Fairness. Und es werden immer mehr Veganer, denn die Argumente sind einleuchtend. In absoluten Zahlen betrachtet, nehmen die Veganer in der Bevölkerung jedoch immer noch einen sehr kleinen Platz ein. Gerade einmal 1-2 Prozent leben Schätzungen zufolge in Deutschland vegan.

Hier auf Vegpool hatten wir schon öfter die Hintergründe des Fleischverzehrs angesprochen. Der wichtigste Grund Fleisch zu essen, ist so einfach wie tragisch: Menschen essen aus Angewohnheit Fleisch. Mit all den Folgen für Gesundheit, Umwelt und Tiere. Als „Gewohnheitstiere“ neigen wir Menschen dazu, erlernte Verhaltensweise pseudo-rational zu verargumentieren. Die meisten Menschen in Deutschland bekamen schon als Kleinkind Fleisch – und glauben (oder reden sich ein), dass es sich um eine bewusste, sorgfältig überlegte Entscheidung handeln würde, auch weiterhin Fleisch zu essen.

Junges Schwein
Wir könnten Tiere nicht quälen. Deshalb lassen wir es Andere tun.
Bild: liz west, flickr.com, CC-BY

Es ist aber keine gute Voraussetzung für eine objektive Entscheidung, wenn zwei Optionen zur Wahl stehen, von denen die eine den gegenwärtigen Angewohnheiten entspricht und die andere eine (gewisse, mehrwöchige) thematische Auseinandersetzung (und etwas Selbstbewusstsein im sozialen Umfeld) verlangt. Wäre Veganismus die Lebensweise mit der größten Verbreitung, sähe es natürlich anders aus. Dann müsste man sich erst an das Fleischessen gewöhnen – sofern es dafür überhaupt einen Grund geben würde. Tatsächlich haben die allerwenigsten Menschen in Deutschland je eine möglichst objektive Entscheidung für Fleisch getroffen.

Suche nach Gegenargumenten ist keine Entscheidung

Gewiss, die meisten Fleischesser glauben ja, sich zu jedem Frühstück zu entscheiden, was sie auf ihr Brötchen legen. Doch das, was Fleischesser als „Entscheidung“ wahrnehmen, ist eine kurze Überlegung, wie es wohl wäre, kein Fleisch zu essen. Eine Gedanken-Schleife, in der innerhalb von Sekunden nach Gegenargumenten gesucht wird, die dazu dienen, den Fleischverzehr zu rechtfertigen – und den Angewohnheiten weiterhin ohne Gewissensbisse zu frönen. Wenn man sich bei der Wahl der Farbe seines Autos entscheiden müsste, würde man wohl länger nachdenken.
Beispiele (aus einer endlosen Liste an Klassikern):

  • Fleischalternativen sind ja auch albern
  • Ich lasse die Tiere ja nicht töten und für Fehler anderer Menschen kann ich nichts
  • Menschen haben immer schon Fleisch gegessen

All das sind offenkundige Ausflüchte, die auch viele Veganer noch aus ihrer vor-veganen Zeit kennen. Denn natürlich sind die wenigsten Menschen „sofort“ vegan geworden.

  • Fleischalternativen helfen beim Umstieg, da man so ohne Umgewöhnung vegan essen kann
  • Man bezahlt dafür, sich die Hände nicht selbst schmutzig machen zu müssen und nimmt eine grauenvolle Behandlung von Tieren in Kauf, die man aus gutem Grund selbst nie praktizieren würde.
  • Menschen haben sich immer weiterentwickelt und viele Dinge aufgegeben, darunter die Versklavung anderer Menschen.

Wer nur nach Gegenargumenten sucht, verliert die echten, offensichtlichen Gründe aus dem Blick. Die Qualen der Tiere in der Massenproduktion. Die Auswirkungen der Tierhaltungen auf das Klima, die brisanter sind, als die des gesamten Verkehrssektors weltweit. Und eben auch die Auswirkungen auf die eigene Gesundheit und Lebensqualität, angefangen bei Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krebs.


Vorurteile überdecken echte Vorteile
Bild: Fotolia.com

Klischees und Vorurteile stützen die eigenen Gewohnheiten

Da sich viele Veganer tagtäglich mit den „Gegenargumenten“ von Fleischessern konfrontiert sehen, die sie sich selbst schon beantwortet haben (daher leben sie ja vegan), führt die Diskussion mit Veganern manchmal auch zu Missverständnissen und Konfrontationen. Man hält zusammen, grenzt sich von den „radikalen Veganern“ ab. So entstehen Konflikte, die bis in den engsten Freundeskreis reichen können. Auch das erleichtert es Fleischessern, Veganismus pauschal abzulehnen und sich auf den (argumentativ nicht allzu überzeugenden) Status Quo zu berufen. Darauf, dass es eben „normal“ und „unradikal“ ist, Fleisch zu essen.

Wer Veganismus als Ideologie einer homogenen Szene versteht, kann die Lebensweise leichter diskreditieren. „Die Veganer sind halt komisch“. Viele Fleischesser suchen daher regelrecht nach „extremen“ Veganern, die durch ihre Radikalität das eigene Selbstbild als „liberaler Fleischesser“ bestätigen. Das Lästern über Veganer – gerne auch in deren Anwesenheit – stärkt dieses Gefühl, normal zu sein, ohne dass hierzu kritische Selbstreflektion oder Argumente erforderlich wären.

Veganismus ist eine vielfältige Lebensweise

Tatsächlich ist Veganismus eine sehr vielfältige Lebenseinstellung. Es gibt radikale, politisch orientierte Veganer, liberale Veganer, reiche und arme Veganer. Es gibt Veganer, die ihre Lebensweise anderen Leuten aufdrängen und solche, die sich komplett abschotten. Viele Veganer leben vegan, weil es ein Zeichen für Selbstbewusstsein und vielleicht auch Abgrenzung ist. Manche Veganer lieben Tiere, andere wollen lieber ihrer Gesundheit oder der Umwelt etwas Gutes tun, wiederum andere leben gar nicht konsequent vegan, sondern nur zu Hause oder bis auf ein paar Ausnahmen.

Ein veganer Burger
Ein langweiliger, veganer Burger. Oder?
Bild: Panu Horsmalahti, flickr.com (bearb.), CC-BY

Es gibt natürlich Tendenzen (zum Beispiel sind Veganer in der Regel höher gebildet und neigen zu weniger sozialen Vorurteilen), doch Verallgemeinerungen fördern bloß Klischees. Und Klischees dienen auch wieder darum, Argumente zu vermeiden. Auch deshalb sind Veganer-Klischees so verbreitet.
Daraus entsteht manchmal auch Unmut bei den Veganern. Denn während sich manch ein Fleischesser im Gefühl sozialer „Normalität“ suhlt, hat manch ein Veganer das Gefühl, dass Teile der Realität schlicht ausgeblendet würden. Als lebten Fleischesser in einer Art Parallelwelt, in der gute Argumente schlicht unangebracht wären und sozial geahndet würden.

Es gibt Hinweise, dass die Welt keine Scheibe ist

Trotz der derzeitigen, medialen Präsenz der veganen Lebensweise, ignorieren weiterhin die meisten Menschen in Deutschland die guten, triftigen Gründe für eine vegane Lebensweise. Fleischesser ignorieren nicht nur das offenkundige Leid der Tiere und die längst bekannten Auswirkungen auf Urwälder, Gewässer und Böden. Sie verdrängen auch das inzwischen gut belegte (auch von der WHO bestätigte) Darmkrebs-Risiko, das mit dem Verzehr von Fleischprodukten erhöht wird (und die vielen weiteren gesundheitlichen Nachteile des Fleischverzehrs). Der Fleischverzehr aus Normalität dient schlicht dazu, in Gesellschaft nicht aufzufallen. Aus reiner Angewohnheit.
Ist das die Risiken wert?

Wenn Fleischesser erkennen würden, dass Veganismus allein eine Lebensentscheidung aus guten, rational verständlichen Gründen ist… dass Veganer auch deshalb manchmal so „komisch“ wirken, weil man das fürs eigene Weltbild benötigt und nach solchen Exemplaren sucht… dass man sich letztendlich mit dem Fleischverzehr selbst schadet und niemandem Rechenschaft schuldig ist, außer sich selbst… dann wäre schon eine gute Grundlage geschaffen, sich einmal wirklich und nachhaltig mit den Hintergründen der veganen Lebensweise zu beschäftigen.

Tradition & Tiere zweiter Klasse oder: Warum wir tun, was wir tun

 

Seit ich mich mit dem Thema „Tierrechte“ beschäftige und selbst vegan lebe bin ich schon des Öfteren an den Punkt gekommen, wo mich die schiere Verzweiflung zu überwältigen drohte. Je mehr mensch liest, je mehr Fakten mensch kennt und je mehr schreckliche Bilder mensch aus Schlachthäusern und Mastanlagen gesehen hat, desto schwieriger wird es im „normalen“ Leben zu bestehen. Selbst ein Bummel durch die Stadt, der der Zerstreuung dienen sollte, gerät oft zum Spießrutenlauf, wenn mensch an Fastfood-Lokalen, Pelzgeschäften oder Eisdielen vorbeiläuft – überall springt einem das Leid ins Gesicht.

Menschen, die sich mit diesen Themen nicht beschäftigen oder sie auszublenden verstehen, können es oft gar nicht oder nur schwer nachvollziehen, was so schlimm daran sein soll, wenn mensch sich eine Leberkässemmel auf die Hand holt und dann seelenruhig seinen Einkauf fortsetzt. Sie sehen nicht, was Tierrechtler_innen sehen, wenn sie sich das Fleischstück zwischen der Semmel anschauen. Wir haben Tiere in zwei Klassen unterteilt: Die einen halten wir als sogenannte „Haustiere“ und hätscheln und verwöhnen sie. Jede_r mag Hunde, Katzen und Kaninchen und für diese geben wir auch gerne viel Geld aus. Wenn der Tag gekommen ist, an dem das geliebte Tier über die „Regenbogenbrücke“ gehen muss, ist die Trauer sehr groß. Wir verlieren schließlich nicht nur irgendein Tier, sondern ein Familienmitglied. Wir lassen die Tiere bestatten, kaufen Urnen und stellen ihr Foto auf den Kaminsims. Das alles ist nicht verwerflich und an sich auch eine sehr schöne Sache, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass wir es zulassen, dass täglich Tausende von Tieren für unseren Fleisch-, Milch- und Eierkonsum unter grauenvollen Bedingungen gehalten und getötet werden.

Das sind dann die Tiere zweiter Klasse: Schweine, Rinder, Hühner, Puten müssen für uns sterben. Wir sehen sie als anonyme Fleischstücke im Supermarkt oder beim Metzgerladen und haben kein Problem, sie zu verzehren. Wir kaufen Milch und verschwenden keinen Gedanken an die Kälber, die als Abfall der Milchindustrie dafür von ihren Müttern getrennt und geschlachtet werden. Wir ignorieren und interessieren uns nicht für das Schicksal dieser Tiere. Für sie vergießen wir keine Tränen, stellen keine Fotos auf und trauern nicht um sie. Warum ist das so? Warum fällt es uns so leicht, eine Grenze zu ziehen zwischen den einzelnen Spezien und die einen als liebenswert und wertvoll zu erachten und die anderen nur als Ware und Konsumgut zu betrachten?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie groß die Empörung ist, wenn mensch in den Nachrichten von einem Hundefleisch-Festival in China liest. Da werden Petitionen gestartet und Tausende von Menschen, gerade auch aus Deutschland, unterschreiben und empören sich öffentlich über diese Barbarei. In China ist es normal Hunde- und Katzenfleisch zu essen. Es hat dort „Tradition“. In unseren Breitengraden wird jemand, der einen Hund isst und das auch noch zugibt, beleidigt und ausgegrenzt. Nun frage ich mich: Wo ist die Empörung über die Tausende von Tieren die täglich in unseren Schlachthäusern sterben? Wo ist die Empörung über die betäubungslose Kastration von Ferkeln? Wo ist die Empörung über die Trennung von Kälbern von ihren Müttern? Wo ist die Empörung über nachweislich oft fehlgeschlagene Betäubungen in Schlachthöfen, die zur Folge haben, dass die Tiere ihre Schlachtung bei vollem Bewusstsein erleben?

Da gibt es vielleicht mal eine kleine Welle der Entrüstung, aber die ist genauso schnell verebbt, wie sie aufgekommen ist. Warum? Weil ein Großteil der Menschen lieber die Augen und Ohren zumacht, als Althergebrachtes zu hinterfragen und die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Ich möchte damit keinesfalls zum Ausdruck bringen, dass ich es in Ordnung finde, dass in China Hunde und Katzen regelmäßig auf dem Teller landen. AUF GAR KEINEN FALL! Ich finde es abstoßend. Aber ich finde es genauso abstoßend, was wir Rindern, Schweinen, Hühnern, Puten, Ferkeln, Kälbern, Hasen und allen anderen Tierarten, die für den menschlichen Verzehr oder sonstigen Gebrauch herhalten müssen, antun. Ich mache keinen Unterschied, wenn es um die Art des Tieres geht. Sie alle sind leidende, fühlende Wesen, die es verdient haben, mit Respekt und Achtung behandelt zu werden. Ganz egal ob dieses Tier ein Fell und ein kleines Schnäuzchen oder Borsten und Klauen hat.

Wir messen beim Thema Tiere mit zweierlei Maß. Wir spielen „Gott“ und entscheiden, welche Tiere unsere Gunst und Liebe verdient haben und welche auf unserem Teller landen. Das finde ich beängstigend und, rational betrachtet, macht es auch keinen Sinn. Fleisch und Milch sind in unserem Speiseplan auch „Tradition“ – so wie die Hunde und Katzen in China – aber nur weil es etwas schon sehr lange gibt und viele Menschen es tun, muss es noch lange nicht richtig sein. Es wird Zeit, dass wir anfangen hinzuschauen. Es wird Zeit, dass wir anfangen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Es wird Zeit, dass wir unseren Horizont erweitern – um Dinge, die uns unangenehm sind, die wir gerne ignorieren und ausblenden würden. Wir müssen aus unserer „Komfortzone“.

Paul McCartney hat einmal gesagt: „Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wären alle Vegetarier.“ Und ich glaube, er hat damit recht. Ich bin mir sicher, dass es den Menschen deutlich schwerer fallen würde, sich eine Leberkässemmel auf die Hand zu kaufen, wenn sie das Tier (oder die Tiere), die in diesem einen Stück schnell gegessenen Fleisches verarbeitet sind, gekannt hätten. Wenn sie seinen Namen wüsste, wüssten wie sich die Haut des Tieres angefühlt hat, wie das Gefühl der Schnauze in der Handfläche gewesen ist und was mensch beim Blick in seine Augen gesehen und gefühlt hat.

Es gibt keine Tiere erster und zweiter Klasse. Es gibt „nur“ Tiere. Alle fühlen, leiden und sind nicht mehr oder weniger wert als die anderen, inklusive uns menschlichen Tieren. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen das erkennen und dann vielleicht auch beim Blick auf das Fleischstück zwischen den Semmelhälften lieber dankend
ablehnen als vermeintlich genussvoll reinzubeissen.