FridaysforFuture Bielefeld

 

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ARIWA Ostwestfalen-Lippe

1,4 Millionen Menschen sind heute allein in Deutschland auf die Straße gegangen (vorläufige Zahl laut Greta Thunberg). Auch wir waren dabei, gemeinsam mit Aktiven der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt.

Wir bedanken uns herzlich bei FridaysforFuture Bielefeld für die Gelegenheit, einen Redebeitrag beizusteuern. Die ganze Rede könnt ihr unten nachlesen.

Wir laden euch herzlich ein, morgen mit uns bei der ersten Vegan Demo for Future erneut auf die Straße zu gehen, um deutlich zu machen, dass die Klimawende auch die #VeganeWende braucht!

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Unser Redebeitrag zum Globalen Klimastreik 20.09.2019:

Hallo und danke, dass ihr alle hier seid! Danke, dass ihr auf die Straße geht! Danke, dass ihr ein Teil der Bewegung für so dringend nötige Veränderung seid! Mein Name ist Simon und ich bin hier für Animal Rights Watch, aber ich spreche sicher für uns alle, wenn ich sage: Die Welt steht am Abgrund und ein Weiter-wie-schon-immer kann und darf es nicht länger geben!

Wie aber kann es weitergehen? Was genau ist das für eine Veränderung, die wir so dringend brauchen? Die Vorstellungen davon gehen sicher auseinander. Manch ein Maßnahmenplan zum städtisch ausgerufenen Klimanotstand sieht vor, den öffentlichen Nahverkehr durch W-LAN an Haltestellen attraktiver zu machen. Meines Erachtens kann es darum aber nicht gehen, wenn wir die Krise bewältigen wollen. Vielmehr sollte uns diese Krise alle wachrütteln, schädliche Konventionen, Traditionen und Bequemlichkeiten zu hinterfragen. Nehmen wir die Klimakrise zum Anlass, wirklich zu überdenken, wie wir mit unserem Planeten und dem Leben darauf umgehen.

Es heißt dieser Tage oft, unser Haus stehe in Flammen. Solche minimalen Anreize wie W-LAN an Haltestellen sind, als würde man in dem brennenden Haus einen Zettel aufhängen mit einem Anreiz für selteneres Rauchen im Haus. Der Vergleich der Klimakrise mit dem brennenden Haus hakt – schon weil wir uns nicht einfach ein neues Haus suchen können. Klar, da wäre noch der Mars, jener Nachbarplanet, der schon so lebensfeindlich ist, wie unsere Welt zu werden droht. Würde man alle Gelder, die für Pläne der Marsbesiedlung aufgewendet werden, in den Umweltschutz stecken, wäre schon viel gewonnen.

Was bei dem Mars-Ansatz ebenso schnell ausgeblendet wird wie bei vielen anderen: Es geht auch einfach nicht allein um das „Haus“ der Menschheit. Wir teilen diesen Planeten mit so unfassbar vielen anderen Lebensformen, insbesondere mit anderen Tieren, die sich in grundlegenden Dingen wie Bewusstsein, Grundbedürfnissen und Empfindungen kaum von uns unterscheiden. Wenn wir den Planeten zugrunde richten, vernichten wir auch ihre Welt. Und wir sind ja längst dabei. Alljährlich geht man von etwa 50.000 ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten aus, eine Aussterberate, die 100 bis 1.000 Mal höher liegt als in irgendeiner anderen Epoche der geologischen Geschichte dieser Erde. Die Menschheit vernichtet den Planeten und es gibt doch noch immer Menschen, die glauben, unsere Spezies wäre besser, intelligenter und die einzige, auf deren Rettung es ankäme.

Dieser artspezifische Egoismus, dieser Speziesismus, diese tief verwurzelte Überzeugung, der eigenen Gruppe gehöre die ganze Welt, ist dasselbe Phänomen, wie wenn einige alte weiße Männer meinen, ein 15-jähriges Mädchen habe ihnen nichts über die Welt zu erklären, denn der Klimawandel sei eine Lüge, aber es sollten bloß keine Flüchtlinge kommen, während sie ausblenden, dass der Klimawandel mehr Menschen zur Flucht zwingen wird als je zuvor.

Von der weltweiten Biomasse aller Landwirbeltiere – wisst ihr, wie viel Prozent da noch in Freiheit lebende Tiere sind? Drei! Drei Prozent. 32% sind Menschen und 65% sind sogenannte Nutztiere. Wir müssen uns fragen: Für wen wollen wir die Erde retten? Versuchen wir zwanghaft, möglichst nachhaltig unsere Welt auszubeuten und an dem Luxus festzuhalten, den wir auf Kosten Schwächerer erwirtschaften? Oder wollen wir unsere Umwelt, unsere Mitwelt, retten für eine lebenswerte Zukunft für alle?

Eine kleine Entscheidungshilfe: Das Festhalten an der Ausbeutung der Schwächeren ist der bisherige Ansatz. Er hat uns hierher gebracht.
Warum brennen denn die Regenwälder? Damit die abgebrannten Flächen Weiden und Futtermittelanbau weichen können, für den Ausbau der Fleischproduktion.
Aber es schmeckt halt gut.
Ein Milchbetrieb mit 2.500 Kühen erzeugt im Vergleich zu einer Stadt mit 400.000 Einwohnern das 10-fache an Abwasser.
Aber es schmeckt halt gut.
Der massenhafte Fang von Meeresfischen wird mittelfristig zu einer reduzierten Kapazität der Ozeane führen, CO2 zu binden, da die Ausscheidungen von Fischen und die calciumcarbonathaltigen Gehäuse von Krebstieren entscheidend zur CO2-Bindung beitragen.
Aber es schmeckt halt gut.
Die Nutztierhaltung für Fleisch, Eier und Milchprodukte erzeugt 9% aller weltweiten CO2-Emissionen, 65% aller Lachgas-Emissionen, die aus Düngemitteln stammen und auf den weltweiten Anbau riesiger Mengen an Futterpflanzen zurückgehen, und 37% aller Methan-Emissionen, vor allem wegen der Verdauungsprozesse von Wiederkäuern. Ihr wisst schon, Lachgas und Methan, das sind diese Treibhausgase, die noch um ein Vielfaches schädlicher sind als CO2, weshalb wir von CO2-Äquivalenten sprechen, wenn alle Treibhausgase gemeint sind.

Das alles geht einher damit, dass wir Tiere züchten, um sie zu töten – züchten auf eine Art, die nur Qualzucht genannt werden kann. Wir reden hier von Puten, die komplett künstlich auf die Welt gebracht werden, weil eine natürliche Fortpflanzung durch die Überzüchtung nicht mehr möglich ist. Wie reden von Kühen, deren Euter so groß sind, dass sie Rückenschäden erleiden. Und wir reden von Hühnern, die im Jahr 300 Eier legen müssen statt der natürlichen 15 Eier und die nach einem Jahr so am Ende ihrer Kräfte sind, dass sie getötet und ersetzt werden. Wenn sie nicht als männliche Tiere zur Welt kommen und direkt vergast werden. Und wenn sie nicht für die Fleischindustrie gezüchtet worden sind, wo sie innerhalb von 42 Tagen ein Gewicht erreichen, mit dem ihre Beine sie teilweise nicht mehr tragen, sodass sie verhungern oder verdursten, weil sie die Futterstellen nicht mehr erreichen. Zeigt man Schulklassen der Mittelstufe Aufnahmen aus den Stallanlagen einer Hühnerhaltung – mit den ausgezehrten, teils federlosen Tieren, die zu tausenden auf mehreren Etagen über den Leichen ihrer Artgenossen sitzen – und fragt sie, welche Haltungsform das sein mag, dann halten sie selbst Aufnahmen von Bioställen für schlimmste Käfighaltung, in Anbetracht des Elends in diesen Anlagen.
Warum dieser Irrsinn? Ja, ich weiß, es schmeckt halt gut.

Im Ernst: Wir können jetzt an diesem System herumdoktern. Beispielsweise ließe sich der Methanausstoß von Kühen reduzieren, wenn sie weniger Gras und mehr Getreide essen würden. Aber, richtig, da müsste man wahrscheinlich erst wieder mehr Wald abholzen, um mehr Getreide anzubauen. Die FAO geht trotzdem davon aus, dass mit bestehenden Technologien und Methoden eine Reduktion der Treibhausgasemissionen aus der Tierhaltung um 30% möglich wäre. Theoretisch. Wäre da nicht gleichzeitig die Erwartung einer weltweit steigenden Nachfrage nach Tierprodukten um 70%(!) bis 2050.

Und jetzt die Alternative: Ein Rechenbeispiel aus England: Vergleichen wir eine dort typische Ernährung mit 30% Kalorien aus Tierprodukten mit einer typischen veganen Ernährung, so spart die vegane Ernährung 69%(!) der CO2-äquivalenten Emissionen ein. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich klingt das nach der überzeugenderen Zahl. Und es ist ja nicht nur eine Zahl. Diese Zahl steht zugleich für eine Zukunft, die der unsäglichen tagtäglichen Gewalt gegen Tiere eine Absage erteilt. Eine vegane Lebensweise alleine rettet vielleicht nicht die Welt. Es gibt viel mehr Schrauben, an denen wir drehen müssen. Aber sie macht es möglich, Umweltschutz als die Anerkennung des Lebens auch der Anderen zu verstehen. Umweltschutz und Tierrechte gehören so untrennbar zusammen wie Umweltschutz und Menschenrechte. Einmal mehr sind die Feuer im Regenwald ein treffendes Beispiel, bedrohen sie doch die Lebensgrundlage indigener Völker ebenso, wie sie Tieren Leben und Lebensraum rauben und CO2 freisetzen, wo es gebunden werden sollte.

Die Lösung ist nicht Biofleisch. Treibhausgas-Emissionen durch Bio-Schweinefleisch sind um 5% geringer als bei herkömmlichem Fleisch – und das Schwein ist genau null Prozent weniger tot. Wir brauchen auch nicht auf Laborfleisch zu warten. Die veganen Lösungen sind längst da, und sie sind ethisch und ökologisch besser, als Laborfleisch es sein wird. Und das sage nicht ich, das sagen Hersteller von Laborfleisch.

An dieser Stelle möchte ich abschließend kurz auf 3 Vorbehalte gegen die vegane Idee eingehen:
Vorbehalt 1: Würden alle vegan leben, würden viele Flächen ungenutzt bleiben.
Erinnern wir uns an die Verteilung der Biomasse der Landwirbeltiere. 3% frei lebende Tiere sind übrig. Nicht genutzte Flächen würden eine Chance bieten, endlich Lebensräume zurückzugeben. Weil diese Welt eben nicht nur uns gehört, weil sie eben nicht möglichst effektiv ausgebeutet werden muss.
Vorbehalt 2: Vegan ist zu radikal.
Wir kämpfen mit der Klima-KRISE. Städte rufen den Klima-NOTSTAND aus. Wir sind mitten in einer Katastrophe, die sich alle paar Tage als schlimmer herausstellt als angenommen. Beispielsweise tauen die Permafrostböden gerade in einem Maße auf, das für 2090 prognostiziert war. Radikale Veränderungen sind die einzigen, die jetzt überhaupt noch etwas ändern können. Ich will behaupten, die Veränderungen können kaum radikal genug sein. Und wir reden hier gerade mal davon, ein paar Gewohnheiten zu ändern und im Regal ein paar Zentimeter weiter links zuzugreifen, wo die pflanzliche Alternative steht. Ist das wirklich zu viel verlangt?
Und schließlich Vorbehalt 3: Ein einzelner Mensch kann eh nichts ändern.
Gegenüber der Ohnmacht der Tiere, deren Tötung nach wenigen Wochen mit ihrer Geburt schon geplant ist, hat ein Mensch unermessliche Macht. Wer heute noch glaubt, dass ein Mensch nichts ändern kann, der muss die letzten Monate hinter dem Mond gelebt haben. Für alle, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen, dürfte die Annahme, dass Einzelne nichts ändern können, widerlegt sein: seit einer unbequemen veganen Aktivistin namens Greta – und seit Fridays for Future.

Möge es eine „Future for all“ sein, eine lebenswerte Zukunft für alle, die auf dieser Erde leben. Lasst uns unsere Hoffnungen, Forderungen und Maßnahmen auf eine solche Zukunft ausrichten. Und möge die Klimakrise uns die Kraft zu einer echten Wende geben.

Danke!