Tierschutz Schnitzel?

 

Der Graslutscher:

Und wenn Du denkst, Dich könne ohnehin nichts mehr schocken, weil Du jeden blöden Spruch schon mal gehört hast, dann kommt ein scheinbar harmloses Supermarktetikett daher und beschert Dir den What-the-fuck-Moment des Quartals. Wie sollen wir armen Satireblogger so was denn noch überspitzen? Wenn bestimmte Areale des Gehirns Körperfunktionen wie Herzschlag und Nierenaktivität regeln, wie kann dann jemand ohne spontanen Kreislaufzusammenbruch und Organversagen so einen grandiosen Unsinn verzapfen?

Das „Tierschutz Schnitzel“, nur echt mit Deppenleerzeichen und einem enorm beschützten Schwein, das trotz all des Schutzes ziemlich tot und auseinandergesägt in einem für mein Empfinden recht pietätlos gestalteten Minisarg in ein Supermarktregal reinbeerdigt wurde. Standen die Beschützer des Schweins am Ende mit betretenen Mienen auf diesem Rewe-Schweinefriedhof rum und haben Ave Maria gesungen oder wie muss ich mir das vorstellen?

Nee echt, meine tiefe Verstörung galoppiert zwei Kilometer vor meinem Sprachzentrum her, das hilflos hinterherstolpert und versucht, das Gefühl in Worte zu kleiden. „Tierschutz-Schnitzel“, ernsthaft? Ernst. Haft. ?? Ist das der Beitrag für den Bestes-Oxymoron-2017-Wettbewerb und irgendwer hat daraus jetzt so eine Marketing-Serie für innovative Verpackung gemacht oder was? Toll, dann kommen als nächstes vermutlich „knusprige Marshmallows“, „spritziges Brackwasser“ oder „Anti-Lungenkrebs-Zigaretten“ auf den Markt.

Passt mal auf, wenn Ihr jemanden beschützen wollt, dann ist der gewaltsame Tod dieses Jemands das absolute Worst-Case-Szenario. Der Film hieße vermutlich nicht „Saving Private Ryan“, wenn im letzten Schnitt Matt Damons röchelnder, durchlöcherter Körper zu sehen wäre. Und der Weiße Ring wäre keine sonderlich respektierte Opferschutz-Organisation, wenn deren Klienten regelmäßig tot im Innenhof der Filialen landeten. „Ja hallo Frau Zonk, Ihre Tochter ist während des Schulausflugs leider eine Klippe runtergestürzt, das geschah im Rahmen der vom Kultusministerium initiierten Kinderschutz-Kampagne, die, wie sie sehen, sehr effektiv funktioniert.“

Zugegeben, die Bezeichnung „Fleisch von etwas weniger beschissen gehaltenen Tieren, die ihren Besuch bei uns im Kreissägenland sehr genossen haben“ ist unpraktisch lang, aber doch wesentlich näher an der Realität. Mutmaßlich. Angesichts unseres unfähigen CSU-Bundesministers für diese Themen, dessen Kernkompetenzen sich auf Aufschub, Verwässerung und Rauswieseln erstrecken, wäre ich angesichts 0,0 Verbesserung auch nicht überrascht.

Klar, Lügen auf Produktverpackungen sind Tradition, auch bei vegetarischen Produkten. Vielleicht stört mich hieran auch primär, dass viele Menschen dieses Etikett vermutlich gar nicht besonders verwunderlich finden. Dass die gleichzeitige Anwendung der Begriffe „Schutz“ und „vorsätzliches Töten“ auf ein und dasselbe Wesen in ihren Augen gar kein Widerspruch ist. Dieser Widerspruch ist bei uns ja sogar gesetzlich verankert.

Wie Richard David Precht sehr treffend sagte: Im deutschen Tierschutzgesetz wird primär nüchtern festgelegt, wie und wann man Tiere töten darf. Ach ja, und weiterhin, dass man keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf, welch ein grotesker Unsinn. Das ist, als würde ich meinen Kindern erklären, sie sollten Timmy nicht hauen, aber wenn sie es tun, dann nur mit vernünftigem Grund.

„Hey Papa, wir haben Timmy zusammengeschlagen. Löwen dürfen das nämlich auch, und außerdem hat das an unserer Schule Tradition!“
„Ah prima, hier habt Ihr zur Belohnung ein bisschen Süßkram.“

Das ist ein extremer Vergleich? Hey, es ist gesetzlich definiert, dass 2 Cent weniger pro Ei ein vernünftiger Grund sind, tausende Küken in ziemlich extreme, übergroße Mixer zu schmeißen. Und wem das nicht vernünftig genug erscheint: Wie in aller Welt sollen wir sonst genug Geld sparen, um uns bei US-amerikanischen Kaffeehausketten Café Latte für 5 Euro pro Becher leisten zu können? Sorry, liebe Küken, aber ein Leben ohne meinen falsch geschriebenen Namen auf dem Kaffeebecher ist eine zu triste Vorstellung, und jetzt ab in den Häcksler mit Euch.

Auf dieser kranken Basis darf man sich vielleicht über maximal unsinnige Wortkreationen auf Verpackungen nicht wundern. Willkommen in Deutschland, wo der Ernährungsminister den Begriff „Veggiewurst“ verbieten will, die Überreste eines getöteten Tieres aber unter dem Label „Tierschutz“ vermarktet werden dürfen.