„Vegetarisch finde ich ja o.k., aber auf Milch zu verzichten, das ist schon extrem!“

 

Bild könnte enthalten: im Freien

Der Graslutscher

Wisst Ihr, wer das gesagt hat? Ich habe das gesagt. Irgendwann zwischen 2001 und 2008 ploppte das wiederholt aus meinem Mund raus, voller Inbrunst und gerne auch vollkommen ungefragt an Menschen gerichtet, die es mutmaßlich einen Scheiß interessierte, wie ich darüber dachte. Zumal ich in dieser Hinsicht nicht gerade sonderlich viel Ahnung angesammelt hatte. Ich hätte genauso gut Leute anquatschen können mit „Ich glaube nicht, dass Menstruationsbeschwerden wirklich so schlimm sind, wie alle sagen!“.

Ich hatte in Biologie zwar gelernt, wie bei Pflanzenkreuzungen das Erbgut weitergegeben wird, und konnte aus dem Gedächtnis eine Blutzelle nachzeichnen, aber dass eine Kuh erst mal ein Kind gebären muss, bevor sie Milch gibt, war nicht Teil des Lehrplans. Sollte es aber sein, denn das optimierte Schwängern von Kühen fände kaum Abnehmer, würde man auf den Verpackungen realistischere Bilder aufdrucken als so ein grinsendes Tier auf grüner Wiese.

Man könnte zum Beispiel darstellen, wie tausende Kälber einzeln in kleinen Kälberboxen gehalten werden. So rühmt sich Marks & Spencer damit, höchste Tierwohlstandards einzuhalten, bekommt seine Milchprodukte aber von einem Betrieb, in dem die Jungtiere monatelang in engen Boxen gehalten werden. Abgesehen davon, dass diese dämlichen Plastikkäfige dann längst viel zu klein sind, zwingt man damit tausende Tiere mit einem starken Bedürfnis nach Nähe, Gesellschaft und Bewegung ohne ihre Mütter in Enge und Isolationshaft.

Würde so ein Bild den Kunden ein gutes Gefühl geben? Alternativ könnte man auf der Verpackung auch die gängige Praxis kommunizieren, dass alleine in Deutschland 2,2% der geschlachteten Kühe trächtig sind. Ja, Käse ist schon echt verdammt lecker, aber wenn man 40.000 getötete schwangere Kühe danebenhält, deren Föten in ihren toten Körpern ersticken, ist mir der Geschmack einfach nur komplett egal. Vielleicht schmecken Robbenbabys ja auch megalecker und eventuell kribbelt ein Lenkradbezug aus dem Fell trächtiger Katzen ganz toll auf der Haut, es könnte mir nichts egaler sein. (Edit: Die 2,2% sind übrigens ein eher optimistischer Wert. Eine Studie der Universität Hamburg errechnete bis zu 10% oder 180.000 trächtige Schlachttiere.)

Weil ich das aber alles nicht wusste, hielt ich das Nichttrinken von Milch für eine divers extreme Einstellung, obwohl die Bedingungen in der Milchkuhhaltung nüchtern betrachtet noch krasser sind als die der Fleischproduktion. Eigentlich ist es nicht groß überraschend, dass eine erbarmungslose Kosten- und Nutzenoptimierung, die bei der Produktion von Schrauben oder Bierdeckeln ein unproblematischer Ansatz ist (Umweltschäden mal ausgenommen), zu katastrophalen Zuständen führt, wenn die Produktionsmittel nicht Eisen und Papier, sondern lebendige, fühlende, ungeborenes Leben im Leib tragende Kreaturen sind.

Deswegen halte ich Tierschutzsiegel und freiwillige Absichtserklärungen auch für unglaubwürdig, die am Ende immer noch das Ziel haben, einer Kuh 10.000 Liter Milch im Jahr abzutrotzen. Anstatt nach Siegeln und Milch vom Bauer um die Ecke zu suchen, ist es viel simpler und umweltverträglicher, eine der vielen Alternativen zu nehmen. Hafermilch im Kaffee schmeckt super, Sojajoghurt ist dem aus Kuhmilch zum Verwechseln ähnlich und beim Zubereiten von Plätzchen, Quiche und Pfannkuchen kommt man sehr gut ohne Butter aus (für die Herstellung von Butter benötigt man besonders viel Milch).

Wie viele andere auch dachte ich bei solchen Vorschlägen direkt: „Ich kann aber nicht leben ohne Käse!“. Tatsächlich fand ich dann heraus, dass man durch das Weglassen von Milch, Butter und Sahne auch dann viel Leid verhindern kann, wenn man erst mal weiterhin Käse isst. Auf Englisch klingt das unweit fluffiger:

„I’d go vegan but I can’t give up cheese.“
„Then go vegan except for cheese.“

Quellen:
1. http://www.animalequality.de/…/so-leiden-kaelber-fuer-milch…
2. Spiegel 11/2017, Seite 26 „Kälbchen im Todeskampf“
3. http://www.br.de/nachr…/traechtige-kuehe-schlachten-112.html