Freispruch für Tierschutz-Filmteam

 

Der Prozess gegen drei Rechercheaktivisten von ARIWA – Animal Rights Watch e.V., die 2013 heimlich in einem Schweinezuchtbetrieb gefilmt hatten und die traurigen Zustände dort an die Öffentlichkeit gebracht haben, endete heute mit einem Freispruch nach §34 StGB „Rechtfertigender Notstand“.

Das Urteil ist ein wichtiges Zeichen für den Tierschutz!

 

Damit hat ein Gericht in Deutschland das Leid von Schweinen als gewichtigen Notstand anerkannt und das heimliche Filmen und Veröffentlichen der qualvollen Bedingungen in der Tierproduktion ist nicht zwangsläufig illegal.

Freispruch für Tierschutz-Filmteam

Der Prozess gegen drei Rechercheaktivist/innen, die 2013 heimlich in der Schweinezucht und -mast Sandbeiendorf Videoaufnahmen vom Leid der Tiere angefertigt hatten, endete heute mit einem Freispruch nach §34 StGB…ariwa.org|Von Animal Rights Watch e.V.

 

🎥 Freispruch für Tierschützer von ARIWA – Animal Rights Watch e.V. : Mitglieder der Organisation hatten sich unbefugt Zutritt zu Tierzuchtanlagen verschafft, um zahllose Verstöße gegen Gesetze zu dokumentieren. Sie wurden wegen Hausfriedensbruch angezeigt und jetzt freigesprochen.


Einlassung des freigesprochenen Rechercheaktivisten Jürgen Foß

https://www.facebook.com/notes/ariwa-animal-rights-watch-ev/einlassung-des-freigesprochenen-rechercheaktivisten-j%C3%BCrgen-fo%C3%9F/1102787419797680

„Sehr geehrte Frau Vorsitzende, ich habe am 29.06.2013 die Schweinzucht- und Mastanlage in Sandbeiendorf betreten und Filmaufnahmen von den dortigen Zuständen angefertigt. Dies tat ich aus Gewissensgründen, die ich kurz erläutern möchte: In den 90er Jahren arbeitete ich ehrenamtlich in einem Tierheim. Hunde und Katzen wurde gehegt und gepflegt und alles für sie getan. Irgendwann nahmen wir auch Schweine, Schafe, Ziegen und Hühner in diesem Tierheim auf. Plötzlich spielten Hunde und Schweine miteinander – die Unterschiede zwischen Haus- und sogenanntem Nutztier verschwanden aus unseren Köpfen. In dieser Zeit habe ich auch die ersten Tierhaltungsanlagen für Nutztiere kennen gelernt und verinnerlicht, wie sehr die Tiere dort leiden und wieviel Unrecht ihnen angetan wird: Hund und Katze werden gestreichelt und verwöhnt; Schwein, Huhn und Pute werden eingesperrt, gequält, getötet.

Jürgen Foß im Land der TiereSeit dieser Zeit lebe ich vegan, um mit meinem Konsum dieses tierfeindliche System nicht zu unterstützen. Zudem widme ich meine sämtliche Zeit neben meinem Beruf dem Tierschutz: ich habe meine Arbeitsstelle auf 3 Tage die Woche reduziert, um mehr Zeit für die Tiere zu haben. Ich habe in 2004 den Verein Animal Rights Watch gegründet und aufgebaut. Seit 2 Jahren betreibe ich den Lebenshof Land der Tiere, um dort ehemaligen „Nutztieren“ maximal mögliche Freiheit zu bieten. Das alles mache ich, weil ich es unerträglich finde, welch unvorstellbare Qualen und welche Ungerechtigkeit wir tagtäglich den Tieren im Agrarsektor antun. Es vergeht kein Tag in meinem Leben, in welchem ich nicht versuche, etwas gegen diese unfassbare Ungerechtigkeit zu tun. Neben dieser vom Gesetzgeber durch Verordnungen und Gesetze legitimierten Tierquälerei gibt es immer wieder Betriebe, die selbst diese bereits ungenügenden Verordnungen missachten, Tiere in noch kleinere Käfige sperren und den Tieren nochmals mehr Leid antun, als es normalerweise im Agrarsektor schon der Fall ist. So war es auch in dem Betrieb van Gennip in Sandbeiendorf: winzige Kastenstände, fehlendes Beschäftigungsmaterial, oft kein frisches Trinkwasser, Gruppenbuchten zu klein, verbotene Spaltenböden und vieles mehr. Es gab Hinweise und es gab bereits Bildmaterial aus der Anlage aus 2007/2008. Ich betrat diese Anlage dann ungefragt, da ich seit 20 Jahren immer die eine gleiche Erfahrung mache: die Tierhalter lassen uns sowieso nicht in ihre Anlagen und Behörden sehen die Tierschützer als lästigen Ballast. In über 20 Jahren Tierschutz habe ich kein einziges Mal erlebt, dass eine Meldung oder eine Anzeige bei einer industriellen Tierhaltung dieser Größe eine Verbesserung für die Tiere erreicht hat, wenn nicht gleichzeitig die Öffentlichkeit mittels Bildmaterial eingeschaltet wurde. Es besteht ein massives Ungleichgewicht, da sich die Profiteure der Tierindustrie rechtlich gegen Auflagen wehren können, die Tiere und ihre Vertreter können es hingegen nicht. Die Exekutive im Tierschutz ist hinsichtlich tierindustrieller Betriebe faktisch nicht existent. Was uns bleibt, ist, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Meldungen bei den Behörden, ohne dass die Öffentlichkeit mittels Filmaufnahmen mobilisiert wird, sind oftmals das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben werden. Ich stehe mitten in unserer Gesellschaft, ich liebe unsere Demokratie und fülle sie mit Leben. Mit dem ungefragten Betreten dieser Stallanlage wurde Ungerechtigkeit aufgedeckt und niemandem geschadet. Ein Nichtstun und Schweigen bei solchen Zuständen, wie sie in Sandbeiendorf herrschen, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Mich dafür zu bestrafen, passt nicht in mein Weltbild eines fairen Miteinanders, Gerechtigkeit und einer gelebten Demokratie.“

Das Gericht entschied zugunsten der RechercheaktivistInnen und sprach alle drei, nach §34 StGB „Rechtfertigender Notstand“, frei.

Bewegende Einlassung des freigesprochenen Rechercheaktivisten Erasmus Müller

https://www.facebook.com/notes/ariwa-animal-rights-watch-ev/bewegende-einlassung-des-freigesprochenen-rechercheaktivisten-erasmus-m%C3%BCller/1101616023248153

„Frau Vorsitzende, sehr geehrte Damen und Herren, ich weiß nicht, ob Sie das kennen: Sie wachen nachts auf, wälzen sich schlaflos in irgendwie unbequemen Kissen, die Matratze ist zu hart oder zu weich, die Luft im Raum kommt Ihnen stickig vor, ein bisschen Durst haben Sie auch, und durchs gekippte Fenster dringt Lärm von draußen. Was hilft? Aufstehen und trinken? Das Fenster schließen? Die Kissen neu aufschütteln? Oder mal das Bein in die andere Richtung abspreizen? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber spätestens in diesem Moment ist es für mich mit dem Schlaf endgültig vorbei, denn dann fällt mir ein, in welcher Situation im selben Augenblick die Tiere stecken, die wir vielleicht im Laufe dieses Prozesses noch auf Aufnahmen sehen werden. Meine Matratze ist zu hart? Ich kann es ja mal auf Betonspaltenboden versuchen. Die Luft ist stickig? Vielleicht merke ich das nicht mehr, wenn mir das Ammoniak aus meiner offenen Fäkaliengrube unterm Bett in die Nase steigt. Die Nachbarn machen zu viel Krach? Viel Spaß bei dem Versuch, die fünfhundert Schweine in den anderen Buchten und Kastenständen daran zu hindern. Die Arme ausstrecken, ein Bein anders abwinkeln? Oh, ich stecke ja in einem körperengen Käfig, da muss ich mich zwischen Arm ausstrecken und zum Schlafen hinlegen schon entscheiden. Wir Menschen differenzieren unseren Alltag völlig zurecht in einer wunderbaren Weise. Möchte ich heute Mittag wieder bei meinem Lieblingsitaliener essen oder ist mir zur Abwechslung mal nach Chinesisch? Am Badesee noch etwas in der Sonne liegen oder ein zweites Mal ins Wasser? Lieber mal einen Abend alleine gemütlich im Sessel verbringen, mit Freundinnen ausgehen oder mit dem kleinen Neffen telefonieren? Bin ich in der Stadt noch zufrieden, oder will ich doch endlich aufs Land ziehen? Klar haben Schweine andere Bedürfnisse und eine andere Wahrnehmung als Menschen. Aber im Prinzip wollen, da bin ich mir absolut sicher, auch Schweine ihr Leben in jeder Minute nach ihren eigenen inneren Bedürfnissen gestalten. Ein kurzer Gedanke an die mit den Hausschweinen verwandten Wildschweine reicht, um sich das vor Augen zu führen: Was essen? Wo aufhalten? Sich mit wem umgeben? Welcher Tätigkeit nachgehen? Jetzt stellen Sie sich vor, ein wahnsinniger Diktator befiehlt Ihnen, dass ab jetzt nur noch beim Italiener gegessen wird, jeder nur noch einmal pro Tag ins Wasser springen darf, abends muss stets eine Partie Monopoly gespielt werden, Ihre Eltern kriegen Sie nur noch zweimal im Jahr zu sehen und die Stadt, in der Sie leben müssen, wird Ihnen per Lotterie zugelost. Würden Sie da nicht auf die Barrikaden gehen? Und das ist noch nicht annähernd die monotone, triste Alltagshölle, die wir Abermillionen Schweinen in Anlagen wie Sandbeiendorf als sogenanntes „Leben“ aufzwingen. Und während wir Menschen noch über Becks oder Krombacher, über Chianti oder Bordeaux in uns reinhorchen, während wir in diesen Minuten hier im Gerichtssaal über Recht und Gerechtigkeit nachdenken, stehen in Sandbeiendorf immer noch tausende von Sauen in Kastenständen. Jede einzelne Sekunde. Jeden einzelnen langen Atemzug. Jede einzelne Minute, und Stunde, und endlosen Tag. Seit unseren Aufnahmen von 2013 und seit lange davor. Einige der Sauen von damals sind noch am leben. Alles, was Sie, wertes Gericht, seit 2013 gemacht und getan haben, all diese zahllosen Erlebnisse und Entscheidungen – währenddessen vegetieren immer noch dieselben Tiere, die Sie auf unseren Aufnahmen sehen, abwechselnd in körperengen Käfigen und verkoteten Betonbuchten vor sich hin. Ich weiß, dass es wirkt, als würde ich am Thema vorbeireden. Hier stehe ich wegen Hausfriedensbruch vor Gericht und nicht etwa die Tierhaltung in Deutschland wegen unmenschlicher Grausamkeit. Aber würden Sie das auch so sehen, wenn Sie zufällig nicht als Sie selbst, sondern als Sau nach Sandbeiendorf geboren worden wären? Klar, dann würden Sie von all dem hier nichts wissen und verstehen. Aber als die, die Sie jetzt sind, Hand aufs Herz: Wären Sie nicht froh, wenn nach einem fiktiven Rollentausch mit der Kastenstandssau dieses Gericht die unfassbare physische und psychische Belastung, der Sie ausgesetzt sind, in seiner Abwägung berücksichtigt? In der Abwägung darüber, welche Rechtsgüter hier miteinander kollidiert sind? Wie gravierend der Schaden auf der jeweiligen Seite ist? Und ob das, was wir Angeklagten getan haben – lediglich abzubilden und öffentlich zu machen, was fühlende Wesen hinter Betonmauern tagein tagaus erdulden müssen – wirklich nach den Gesetzen eines zivilisierten Landes verurteilt werden muss? Ich würde mir gerne einfach ein schönes Leben machen, in welchem ich nicht nachts durch an Horrorfilme erinnernde Hallen laufe. Ich würde gerne niemandem auf die Füße treten, denn aufgrund meiner Erziehung bereitet mir das Unbehagen. Es beschäftigt mich, dass es Menschen gibt, die mich wegen meiner Filmaufnahmen hassen. Ich möchte gerne mit allen auskommen. Und mich einfach tagsüber meinem durchaus erfüllenden Leben widmen. Wenn mein Gewissen das doch einfach zuließe. Wenn ich bloß nachts wie alle anderen die Existenz der Tiere hinter den Betonmauern verdrängen, die Augen der zahllosen Schweine, die in meine geblickt haben, vergessen könnte. Bis mir das gelingt, arbeite ich halt an der Alternative: Dass wir Menschen eines Tages den Kreis unserer Empathie so weit ausgeweitet haben, dass wir selbstverständlich auch anderen fühlenden Tieren ihr Leben so lassen, wie sie es eben selbst führen möchten. Vielleicht muss dann schon in der Generation meiner Nichten und Neffen niemand mehr so einer unschönen nächtlichen Beschäftigung nachgehen wie ich. Vielleicht können wir dann alle nachts einfach schlafen. Ich bin guter Dinge, dass es dann auch bei mir mit simplem Kissenaufschütteln getan sein wird.”

Das Gericht entschied zugunsten der RechercheaktivistInnen und sprach alle drei, nach §34 StGB „Rechtfertigender Notstand“, frei. Hintergründe zum Prozess: http://www.ariwa.org/aktivitaeten/a…