Der Glanz in ihren Augen

 

Sie wusste, dass sie nichts Gutes erwartete, als missgelaunte Arbeiter sie aus dem dunklem Stall holten und einer sie, als sie nicht gleich gehen wollte, in den Hintern trat. Als sie dann das erste mal das volle Tageslicht sah, war es für sie, als würde sie erst jetzt richtig geboren. Alles war so neu, so hell, so anders. Aber dieser Moment dauerte nur kurz.

Die Arbeiter trieben sie fluchend hinauf über die Rampe, wo sie dann, zusammen gepfercht mit anderen eine weitere, völlig neue Erfahrung machte. Sie sah die Welt, in allen ihren Facetten, sah Bäume, Häuser und später sogar Wiesen. Eine Ahnung überkam sie. Wäre das nicht der ihr zustehende Platz gewesen, um in Ruhe ein würdevolles Leben zu führen? Nach einer kurzen Zeit des Erstaunens und der ständig neuen Eindrücke war es dann so weit: Abladen. Wieder kamen Arbeiter und wieder wurde sie die Rampe runter getrieben. Beim Eingang zum Schlachthof blieb sie noch einmal kurz stehen und blinzelte ins grelle Sonnenlicht. Ein Glanz war in ihren Augen. Es war der Glanz des kurzen Glücks, des Glücks, das Tageslicht und einen kleinen Teil der Welt zu sehen und das erste mal frische Luft atmen zu dürfen.

Ein paar Minuten später war der Glanz erloschen und alles Glück vergessen. Sie wurde von missgelaunten Arbeitern zerlegt und ihre Teile wurden fertig gemacht und verpackt für eine Menschheit, welche vergessen hat, was wahres Glück und was Menschlichkeit ist. Ihr Glück war nur für einen Moment, der Glanz in ihren Augen aber wird ewig leuchten. Möge er unsere Herzen erwärmen.