Warum wir für Tierrechte kämpfen (müssen)

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Schriftstellerin, Publizistin, Autorin und Tierrechtlerin Hilal Sezgin mit Bock Domino.

Es scheint heute oft so, sei für den Tierschutz schon ausreichend getan. Warum aber weiter dafür gekämpft werden muss, hat Hilal Sezgin aufgeschrieben. Sie ist eine unserer „25 Frauen, die unsere Welt besser machen“ und setzt sich seit Jahren als Schriftstellerin, Publizistin und Journalistin mit dem Thema auseinander und für Tiere ein.

Tierrechtler*innen: Wofür kämpft ihr eigentlich noch?

Tierschutz im Grundgesetz, Biosiegel hier und Tierschutzlabels da… Immer wieder werden wir Tierrechtler*innen gefragt, wofür wir eigentlich noch kämpfen. Und wieso kritisieren wir so oft ausgerechnet diejenigen, die sich doch anscheinend Mühe geben, in ihrer Tierhaltung wenigstens ein bisschen was besser zu machen? Denn seien wir mal realistisch – an diesem Punkt der Gegenrede senkt sich die Stimme der Fragenden meist, und es ist schwer zu erkennen, ob sich nicht auch ein wenig Triumph ins Mitgefühl mischt: Die gesamte Menschheit wird niemals vegan werden! Für vegan und Tierrechte zu kämpfen, heißt – so die Kritiker*innen – potentielle Verbündete abzuschrecken und Kraft zu verschwenden.

Wirklich? Zuerst zum Grundsätzlichen: Tierrechte sind die Rechte individueller Tiere ( nicht: Arten) auf ihr eigenes Leben. Also darauf, dass sie nicht willkürlich getötet werden, dass ihnen keine vermeidbaren Schmerzen zugefügt werden, dass man ihre Lebensmöglichkeiten nicht beschneidet, indem man sie zum Beispiel einsperrt – oder ihnen die Kinder wegnimmt, oder sie bereits so züchtet, dass sie wie Milchmaschinen auf vier Beinen herumlaufen und ihr Skelett und Stoffwechsel die eigene „Milchleistung“ kaum bewältigen können. Jedes empfindungsfähige Wesen hat das Recht zumindest auf den selbstbestimmten Versuch, ein Leben mit allen relevanten Komponenten zu leben.

Wir Menschen sind nicht befugt, zu verstümmeln, einzusperren und zu töten

Ich schreibe so vorsichtig „Versuch“, weil natürlich nicht jedes Leben lang und voller Glück ist, von Anfang bis Ende. Krankheit, Unfälle, widrige Klimabedingungen und Tod können ein Wesen überall ereilen. Und deswegen ist auch von „Willkür“ die Rede: Manche Schäden sind nicht vermeidbar. Raubtiere jagen „mit gutem Recht“ andere Tiere, weil sie nicht anders können. Selbst das behutsamste menschliche Leben kostet andere Leben oder zumindest deren Ressourcen, und sei es, dass wir beim Waldspaziergang auf eine Schnecke treten. Dass so etwas aber passieren KANN und dass jede Kuh, jeder Karpfen, jedes Huhn ohnehin irgendwann stirbt, heißt nicht, dass wir Menschen befugt sind, es gleich jetzt schon zu verstümmeln, einzusperren oder zu töten.

Im Grunde will also der Tierrechtsgedanke eigentlich nur die Darwinsche Erkenntnis, dass Menschen und (andere) Tiere nahe Verwandte sind, in den Bereich des Moral-Politischen verlängern. Es gibt nun einmal keine absolute Grenze zwischen uns, was Leben, Freiheit, Körperlichkeit, Angst, Freude, Liebe zum Nachwuchs, Lust an der Bewegung angeht. Gewiss, es gibt entscheidende Unterschiede in den Bereichen Sprache, Kunst, Fantasie, Technik – darum fordern wir ja auch keine Schulpflicht für Tiere, keine Ameisenmuseen (für Ameisen) oder dergleichen. Aber in Bezug auf die anderen erwähnten Lebensbereiche, die uns alle als biologische, körperliche, bedürftige, verletzliche, eigen-willige und fühlende Wesen betreffen, eben nicht.

Nun habe ich so ausführlich erklärt, was der Tierrechtsgedanke bedeutet, und bin bisher die Antwort schuldig geblieben, warum wir uns dann nicht an der Bio- und Tierschutzlabelei beteiligen. Auch Biohaltung oder Tierwohlinitiativen sehen ja nur ein Minimales an mehr Platz, ein bisschen mehr Stroh, mehr Wasser und ein paar wenige Wochen längeres Leben für die Tiere vor. Sie bieten leider keine wirkliche Verbesserung für die Tiere, sondern nur eine geringfügige Entschlechterung. „Bio-Fleisch“ ist von artgerechter Haltung so weit entfernt wie Donald Trump von schönen Haaren, und der Begriff „Tierschutz-Fleisch“ ist ohnehin der größte Hohn. Denn spätestens wenn das Tier tot auf dem Teller liegt, ist ja klar: Dieses Tier wurde nicht hinreichend geschützt.

Gerecht wird es erst, wenn die unschuldigen Leben freigelassen werden

All diese „Tierwohl“-Label sind so etwas wieder Ablasshandel unserer Zeit, denn der/die Konsument*in kann sich besser fühlen, dem Tier geht’s nach wie vor dreckig. Eigentlich habe ich die Hoffnung, dass bereits deutlich geworden ist, warum wir Tierrechtler*innen so etwas nicht bejubeln können… Aber vielleicht noch nicht. Stellen wir uns also vor, wir Tierrechtler*innen wären so etwas wie Amnesty International. AI kämpft gegen Folter, willkürliche Freiheitsberaubung, Todesstrafe. Und stellen wir uns ebenfalls vor, ein Regime verspricht, die Todeszellen der politischen Gefangenen etwas größer zu machen; mit Fernseher vielleicht und abschließbarem Klo. Würde AI deswegen die Sektkorken springen lassen? Würde jemand einen Preis oder ein Menschenrechtssiegel erhalten, der seinen willkürlich Gefangenen ein Klo und einen Fernseher hinstellt? Wäre das nicht höchst armselig von AI, für solche „Reformen“ den Schulterschluss mit den Machthabern zu suchen, und wären wir nicht ebenso armselige Tierrechtler*innen, wenn wir jemandem gratulierten, der ein Schwein statt auf 0,75 Quadratmeter auf 1,25 qm hält und es danach, wie all die anderen Schweine, im juvenilen Alter in den Schlachthof fährt?

Vielleicht gibt es auch hier Leute, die sagen: Ein Fernseher für die letzten Monate, das ist doch etwas! Mag sein. Aber es muss auch Leute geben, die nicht auf den Fernsehbildschirm, sondern aufs Gesamtbild gucken und sagen: Leute, denkt dran, egal wie viele Fernseher ihr noch reinstellt: Was ihr da tut, ist falsch. Grundfalsch. Gerecht wird es erst, wenn ihr die Unschudligen freilasst. Nicht gewaltsam tötet. Frieden ist erst erreicht, wenn alle sicher vor der willkürlichen Gewalt der Mächtigen sind.

Oh doch, das Engagement für eine vegane Welt ist realistisch

Apropos Frieden, und damit noch mal zu dem Einwand, das Engagement für eine vegane Welt sei nicht „realistisch“. Auch der Weltfrieden wird, nach allem, was wir über unsere eigene Spezies wissen, wohl nie erreicht. Und ist es nicht trotzdem, vielleicht sogar gerade deswegen nötig, immer wieder für ihn zu kämpfen? Wo wären wir, wenn sich nicht immer Menschen in scheinbar aussichtsloser Lage für den Frieden eingesetzt hätten, und eine noch wie viel brutalere Tierausbeutung wäre heute üblich, wenn nicht seit Jahrhunderten immer wieder Menschen für Tiere eingestanden wären?

Ihre Namen sind heute zumeist vergessen, von der hegemonialen Geschichtsschreibung sozusagen verschluckt; doch es waren oft dieselben, die gegen die Versklavung der Menschen kämpften; es waren Frauen darunter, die für das Recht der Frauen stritten, zu studieren… Es ist sicher kein Zufall, dass sich so viele dieser vermeintlich aussichtslosen, und tatsächlich doch lebensnotwendigen Kämpfe immer wieder überschnitten; doch dies ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal zu erzählen gilt.

Wer sich etwas in das Thema einarbeiten möchte, dem sei noch diese Dokumentation zu Bioschweinen empfohlen. Oder auch jene über die ersten 24 Stunden der Hühnerküken.