Mein Besuch auf dem Bauernhof

 

Bericht von Ria Rehberg

Ich habe mir gestern das angesehen, was man im Volksmund artgerechte Tierhaltung nennt, nach Demeter Standards. Die Tiere kommen auf die Wiese und haben Strohbetten, auf die sie sich legen können. Ich habe keinerlei Tiere mit Verletzungen gesehen, keine blutigen Euter oder offenen Wunden. Trotzdem war der Besuch für mich ein trauriger.

Es ist traurig zu sehen, wie ein kleines Menschenkind einem Kuhkind gegenüber steht, wie sie sich neugierig beäugen und sich vorsichtig einander nähern. Wie das Kälbchen sanft mit seiner feuchten Nase die Hand des Kindes berührt, voller Vertrauen und ohne etwas Böses zu erwarten. Es ist traurig, weil ich weiß, dass nur eines dieser beiden Kinder eine Mutter hat, die sich um es kümmert. Das andere steht mit nur zwei Lebenswochen allein in einer Box, die kaum größer ist als sie selber. Die Zuneigung und Liebe einer Mutter wird sie nie mehr erfahren.

Es ist traurig, in die Augen einer Milchkuh zu sehen und zu wissen, dass auch sie kein langes Leben haben wird. Zeigt sie zu viel Charakter, ist sie aufmüpfig oder dominant, wird sie aussortiert und bekommt den „Salami-Stempel“, erzählt uns lachend die Frau, die die Führung veranstaltet. Was lustig daran sein soll, einer unschuldigen Mutterkuh, die keiner Menschenseele etwas zu leide getan hat, die Kehle aufzuschlitzen, verstehe ich nicht. Manche Teilnehmer der Führung lachen, andere schauen etwas verwirrt. Warum die Kälber nicht bei den Müttern bleiben können, möchte eine Frau mit ihrem Kind wissen. Das würde eben nicht gehen, wird uns erklärt. Und dass Milch eben sehr lecker sei und man selbst auch nicht darauf verzichten möchte.

Verzichten ist so ein verrücktes Wort, wenn es hunderte Alternativen zu Kuhmilchprodukten gibt. Wer sind wir, einem sensiblen, liebenswerten Tier in die Augen zu sehen und zu sagen: Der Geschmack deiner Milch ist mir mehr Wert als dein Leben – und das deiner Kinder. Welche Arroganz.

Wir gehen weiter zu den Ziegen. Sie haben eine große Weidefläche, Bäume und unzählige Klettermöglichkeiten. Im Stall sehen wir ungefähr 40 noch sehr junge Ziegen in einer Box. Sie sind noch nicht einmal ausgewachsen. Die hier sind schon für die Schlachtung markiert, wird uns erklärt. Tierkinder.

Als ich mir die Finger von einem kleinen Zicklein liebevoll abschlecken lasse, denke ich, dass sie Glück gehabt hat. Sie kennt wenigstens das Sonnenlicht, die Wiesen, sie kann mit den anderen Babyziegen in ihrem Auslauf spielen. In Deutschland haben die wenigsten sogenannten Nutztiere die Möglichkeit auch nur dies zu erleben. Trotzdem fühle ich tief in mir drin, dass alles an diesem Betrieb falsch ist. Dass es nicht richtig sein kann, mit Tierleben umzugehen, als hätten sie keine Gefühle, als hätten sie nicht den innigsten Wunsch zu leben. Dass es falsch ist, weibliche Kühe oder Ziegen zu schwängern, sie von ihren Kindern zu trennen, ihre Söhne zu töten und zu essen und ihre Töchter künstlich zu befruchten, nur um den Kreislauf erneut zu beginnen. Damit wir ihre Muttermilch trinken können. Damit wir etwas trinken können, was uns selbst krank macht.

Wir tun es ja nicht, weil wir es müssten, sondern aus dem einzigen Grund, dass wir es schon immer so gemacht haben. Wir halten so sehr daran fest, weil wir Angst haben, etwas Neues auszuprobieren, weil wir Angst haben, etwas zu verlieren. Ich glaube, dass die größte Herausforderung unserer Gesellschaft ist, sich unseren Ängsten zu stellen. Es gibt keinen Wandel, keine positive Veränderung, ohne dass wir diese mit unserer Angst bezahlen müssen, habe ich neulich gelesen.

Es wird Zeit, dass wir mutig sind und uns trauen infrage zu stellen, was schon immer so war. Es wird Zeit, dass wir aufhören uns hinter Ausreden zu verstecken und für das einstehen, was richtig ist. Und wenn wir es tun, werden wir alle daran gewinnen. Nicht nur die Tiere, sondern auch wir.

*Ihr dürft die Fotos gerne zusammen mit dem Text verbreiten, um auf das Schicksal von Milchkühen und Ziegen aufmerksam zu machen. Die Lösung heißt Pflanzenmilch, hier gibts Tipps: www.LoveVeg.de