Lebendbeschau am Schlachthof

 

Heute vier Uhr. Lebendbeschau am Schlachthof.
Der erste Blick bei der Kontrolle der Schweinebuchten: In einer der Buchten ist alles voller Blut. Auch fast alle Tiere sind ganz damit beschmiert. Ca. zehn Tiere, alle scheinbar recht munter, wuseln durcheinander. Bei dem Gedränge ist es unmöglich zu sehen, woher das Blut ursprünglich stammt. Ich kann nur anweisen, diese Tiere zuerst zu schlachten, damit das Verletzte zumindest nicht noch lange so aushalten muss.

Der zweite Blick: Der ganze Stall ist heute voller Tiere. Sonst werden sie oft nach und nach im Laufe des Morgens gebracht. Diesmal offenbar alle am Vorabend. Sechs grosse Bullen sind auf zwei Buchten verteilt. Der Rest ist voll mit Schweinen. Leider sind auch schon zwei Kälber dabei, obwohl die Lieferanten Anweisung haben, die immer erst kurz vor der Rinderschlachtung zu bringen, also am späten Montagmorgen.
Die beiden stehen in einem winzigen eigenen Abteil zwischen lauter mit Schweinen belegten Abteilen. Jetzt fürchten sie sich noch zusätzlich vor den unbekannten Tieren und eines schreit durchgehend.
Es ist das Kleinere, winzig klein, mit verkrüppelten Beinen und krummem Rücken. Es ist kaum in der Lage, zu gehen, erst recht nicht zu springen, deshalb ist es nicht angebunden.
Das Größere ist angebunden. Ein schönes, muskulöses Tier. Ein perfektes Rind als Miniaturausgabe.
Beim Kleinen sagen die Metzger:“ Der muss sowieso weg.“ Beim Großen sagen sie:“Das ist ein schönes Mastkalb, so sollen sie aussehen (zum Schlachten).“

Stunden später werden die Bullen in den Gang getrieben. Es gibt ein Gedränge. Die zwei Letzten sind etwas kleiner als die Vorderen. Sie werden zusammen geschoben, der Vorletzte stürzt und gerät dem Letzten unter die Beine. Dieser steht jetzt teilweise auf dem gestürzten Tier und deshalb etwas höher. Bei dem Gestrampel, das jetzt erst recht weiter geht, bleibt er mit einem Hinterbein über der Seitenwand hängen. Er bringt das Bein selbst nicht mehr raus und bleibt verrenkt stehen, unter sich das andere hilflose Tier begraben.
Ein Metzger ist schon mit dem Elektroschocker unterwegs.
Was für ein Unsinn: Wer sollte mehr Interesse daran haben, aus dieser Lage wieder frei zukommen, als die Tiere selbst? Sie geben sich ja bereits erfolglos alle Mühe.
Ich veranlasse stattdessen, mehr Platz zu schaffen. Die vorderen Tiere werden enger zusammen getrieben und abgetrennt von den hinteren. Nach einer Weile schafft es der Gestrauchelte, auf die Beine zu kommen, weil er jetzt etwas mehr Platz zum Schwung holen hat. Der Hintere hängt jetzt allerdings noch unglücklicher mit dem Hinterbein fest.
„Vorsicht, der ist gefährlich!“
Ja, klar kann er so zutreten, aber Hilfe braucht er nunmal trotzdem.
Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn ich in so einer Situation zögern würde. Vielleicht orientieren sich die Mitarbeiter oft mehr an mir, als ich glaube.
Ich tue es aber keinen Augenblick und keiner der Männer gibt sich die Blösse, zu kneifen.
Zu dritt, mit einem Strick um den Fuß des Bullen und einem klug gewählten Zughebel über eine obere Stange, ist er schneller befreit als gedacht.
Er hat nicht versucht, zu treten. Er hatte wohl andere Sorgen…

Inzwischen sind alle Kälber tot. Alle Hätte-wäre-wenn-Gedanken erübrigen sich also für mich.
Bleibt nur einmal mehr die Erkenntnis: Keines ist so erbärmlich, dass es keiner schlachten wollte. Und Keines so prächtig, dass es verschont bliebe. (Ausnahmen sind Randerscheinungen)
Zuletzt werden noch zwei schöne, brave Kühe gebracht, vier und sechs Jahre alt. Zwei von der Sorte, mit denen ich problemlos davon gehen könnte. Sie würden mit mir mit gehen. Obwohl es heute nur gut halbsoviel Rinder waren wie sonst, gibt mir das den Rest.

Der Spruch „man kann halt nicht alle retten“ ist Quatsch. Wen soll das trösten?
Es muss besser lauten:
Man kann Einige retten! Und wieviele, weiss man erst, wenn man es probiert hat.

Wenn ich es nicht jede Woche sehen würde, dieses unwürdige Elend, wäre meine Motivation, zu helfen, nicht so groß.
Da es aber so ist wie es ist, brauche ich Menschen, die sich wiederum von mir motivieren lassen, zu helfen.
Deshalb schreibe ich darüber. Es ist keine Weiterleitung meines Weltfrustes an Leser meiner Texte. Ich jammer auch nicht über eine Arbeit, zu der mich schließlich niemand zwingt.
Schlachthöfe brauchen Glaswände, um die Leute zu Bewusstsein zu bringen und dabei zu halten. Das ist der Sinn dieser Texte.

Text via Nicole Tschierse
Bildrechte Monika Woelk