Tradition & Tiere zweiter Klasse oder: Warum wir tun, was wir tun

 

Seit ich mich mit dem Thema „Tierrechte“ beschäftige und selbst vegan lebe bin ich schon des Öfteren an den Punkt gekommen, wo mich die schiere Verzweiflung zu überwältigen drohte. Je mehr mensch liest, je mehr Fakten mensch kennt und je mehr schreckliche Bilder mensch aus Schlachthäusern und Mastanlagen gesehen hat, desto schwieriger wird es im „normalen“ Leben zu bestehen. Selbst ein Bummel durch die Stadt, der der Zerstreuung dienen sollte, gerät oft zum Spießrutenlauf, wenn mensch an Fastfood-Lokalen, Pelzgeschäften oder Eisdielen vorbeiläuft – überall springt einem das Leid ins Gesicht.

Menschen, die sich mit diesen Themen nicht beschäftigen oder sie auszublenden verstehen, können es oft gar nicht oder nur schwer nachvollziehen, was so schlimm daran sein soll, wenn mensch sich eine Leberkässemmel auf die Hand holt und dann seelenruhig seinen Einkauf fortsetzt. Sie sehen nicht, was Tierrechtler_innen sehen, wenn sie sich das Fleischstück zwischen der Semmel anschauen. Wir haben Tiere in zwei Klassen unterteilt: Die einen halten wir als sogenannte „Haustiere“ und hätscheln und verwöhnen sie. Jede_r mag Hunde, Katzen und Kaninchen und für diese geben wir auch gerne viel Geld aus. Wenn der Tag gekommen ist, an dem das geliebte Tier über die „Regenbogenbrücke“ gehen muss, ist die Trauer sehr groß. Wir verlieren schließlich nicht nur irgendein Tier, sondern ein Familienmitglied. Wir lassen die Tiere bestatten, kaufen Urnen und stellen ihr Foto auf den Kaminsims. Das alles ist nicht verwerflich und an sich auch eine sehr schöne Sache, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass wir es zulassen, dass täglich Tausende von Tieren für unseren Fleisch-, Milch- und Eierkonsum unter grauenvollen Bedingungen gehalten und getötet werden.

Das sind dann die Tiere zweiter Klasse: Schweine, Rinder, Hühner, Puten müssen für uns sterben. Wir sehen sie als anonyme Fleischstücke im Supermarkt oder beim Metzgerladen und haben kein Problem, sie zu verzehren. Wir kaufen Milch und verschwenden keinen Gedanken an die Kälber, die als Abfall der Milchindustrie dafür von ihren Müttern getrennt und geschlachtet werden. Wir ignorieren und interessieren uns nicht für das Schicksal dieser Tiere. Für sie vergießen wir keine Tränen, stellen keine Fotos auf und trauern nicht um sie. Warum ist das so? Warum fällt es uns so leicht, eine Grenze zu ziehen zwischen den einzelnen Spezien und die einen als liebenswert und wertvoll zu erachten und die anderen nur als Ware und Konsumgut zu betrachten?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie groß die Empörung ist, wenn mensch in den Nachrichten von einem Hundefleisch-Festival in China liest. Da werden Petitionen gestartet und Tausende von Menschen, gerade auch aus Deutschland, unterschreiben und empören sich öffentlich über diese Barbarei. In China ist es normal Hunde- und Katzenfleisch zu essen. Es hat dort „Tradition“. In unseren Breitengraden wird jemand, der einen Hund isst und das auch noch zugibt, beleidigt und ausgegrenzt. Nun frage ich mich: Wo ist die Empörung über die Tausende von Tieren die täglich in unseren Schlachthäusern sterben? Wo ist die Empörung über die betäubungslose Kastration von Ferkeln? Wo ist die Empörung über die Trennung von Kälbern von ihren Müttern? Wo ist die Empörung über nachweislich oft fehlgeschlagene Betäubungen in Schlachthöfen, die zur Folge haben, dass die Tiere ihre Schlachtung bei vollem Bewusstsein erleben?

Da gibt es vielleicht mal eine kleine Welle der Entrüstung, aber die ist genauso schnell verebbt, wie sie aufgekommen ist. Warum? Weil ein Großteil der Menschen lieber die Augen und Ohren zumacht, als Althergebrachtes zu hinterfragen und die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Ich möchte damit keinesfalls zum Ausdruck bringen, dass ich es in Ordnung finde, dass in China Hunde und Katzen regelmäßig auf dem Teller landen. AUF GAR KEINEN FALL! Ich finde es abstoßend. Aber ich finde es genauso abstoßend, was wir Rindern, Schweinen, Hühnern, Puten, Ferkeln, Kälbern, Hasen und allen anderen Tierarten, die für den menschlichen Verzehr oder sonstigen Gebrauch herhalten müssen, antun. Ich mache keinen Unterschied, wenn es um die Art des Tieres geht. Sie alle sind leidende, fühlende Wesen, die es verdient haben, mit Respekt und Achtung behandelt zu werden. Ganz egal ob dieses Tier ein Fell und ein kleines Schnäuzchen oder Borsten und Klauen hat.

Wir messen beim Thema Tiere mit zweierlei Maß. Wir spielen „Gott“ und entscheiden, welche Tiere unsere Gunst und Liebe verdient haben und welche auf unserem Teller landen. Das finde ich beängstigend und, rational betrachtet, macht es auch keinen Sinn. Fleisch und Milch sind in unserem Speiseplan auch „Tradition“ – so wie die Hunde und Katzen in China – aber nur weil es etwas schon sehr lange gibt und viele Menschen es tun, muss es noch lange nicht richtig sein. Es wird Zeit, dass wir anfangen hinzuschauen. Es wird Zeit, dass wir anfangen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Es wird Zeit, dass wir unseren Horizont erweitern – um Dinge, die uns unangenehm sind, die wir gerne ignorieren und ausblenden würden. Wir müssen aus unserer „Komfortzone“.

Paul McCartney hat einmal gesagt: „Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wären alle Vegetarier.“ Und ich glaube, er hat damit recht. Ich bin mir sicher, dass es den Menschen deutlich schwerer fallen würde, sich eine Leberkässemmel auf die Hand zu kaufen, wenn sie das Tier (oder die Tiere), die in diesem einen Stück schnell gegessenen Fleisches verarbeitet sind, gekannt hätten. Wenn sie seinen Namen wüsste, wüssten wie sich die Haut des Tieres angefühlt hat, wie das Gefühl der Schnauze in der Handfläche gewesen ist und was mensch beim Blick in seine Augen gesehen und gefühlt hat.

Es gibt keine Tiere erster und zweiter Klasse. Es gibt „nur“ Tiere. Alle fühlen, leiden und sind nicht mehr oder weniger wert als die anderen, inklusive uns menschlichen Tieren. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen das erkennen und dann vielleicht auch beim Blick auf das Fleischstück zwischen den Semmelhälften lieber dankend
ablehnen als vermeintlich genussvoll reinzubeissen.