So blenden Fleischesser moralische Werte aus

 

Die negativen Auswirkungen von Fleischkonsum und Nutztierhaltung auf die betroffenen Tiere und die Umwelt sind mittlerweile weitaus bekannter als früher, trotzdem halten die meisten Menschen daran fest, Fleisch und andere Tierprodukte zu konsumieren. Eine neue psychologische Studie, veröffentlicht im Journal of Personality and Individual Differences, bietet eine Erklärung: Fleischesser deaktivieren Prozesse der moralischen Selbstregulation, um durch ihren Fleischkonsum keine inneren Dissonanzen, Schuld- und Schamgefühle zu erleiden. Damit zeigen Fleischesser ein ähnliches Muster der situationsbezogenen Ausblendung moralischer Werte für das eigene Verhalten, wie es Personen tun, die am Arbeitsplatz andere mobben, Tiere quälen, Kriege rechtfertigen, Produkte aus Ausbeutungsindustrien erwerben oder auch Aggressionsdelikte begehen.

Ergebnisse im Detail

 

In der Untersuchung konnten fünf Prozesse der moralischen Ausblendung identifiziert werden, die sich jeweils signifikant stärker bei ausgeprägten Fleischessern und Omnivoren zeigten als bei sich vegetarisch oder vegan ernährenden Personen:

  • Rechtfertigungen von Fleischkonsum als natürlich und notwendig
  • Leugnung der negativen Konsequenzen des Fleischkonsums
  • Abstumpfung gegenüber dem Tierleid
  • Ablehnung der eigenen Verantwortlichkeit
  • Bestreitung der Wahlfreiheit

Ausgeprägte Fleischesser und Omnivoren neigen demnach dazu, Fleischkonsum als eine sinnvolle, ja sogar unverzichtbare Ernährungsform zu verteidigen, die negativen Folgewirkungen auf Tiere und Umwelt zu bestreiten, gegenüber dem Leid der Tiere abzustumpfen, der Gesellschaft, nicht aber sich selbst die Verantwortung für den Fleischkonsum zuzuweisen, sowie die Möglichkeit der Umsetzbarkeit einer fleischfreien Ernährung für sich selbst zu bestreiten. Gerade auch bei Konfrontation mit Informationen zu den negativen Folgewirkungen von Fleisch, reagieren ausgeprägte Fleischesser und Omnivoren entsprechend damit, nach Rechtfertigungen für den Konsum zu suchen, die negativen Konsequenzen zu bestreiten, sich gegenüber dem Leid der Tiere abzuschotten und eine personale Verantwortungsübernahme zu verweigern, indem ausschließlich die Gesellschaft als Ganzes verantwortlich gemacht und die eigene Wahlfreiheit in Abrede gestellt wird.

 

Im Ergebniss werden moralische Prozesse der Selbstregulation bezüglich des Fleischkonsums deaktiviert, die ansonsten Menschen durchaus von negativem Verhalten abhalten können. Emotional wird dieser Ausblendungsprozess durch die Deaktivierung von Schuld- und Schamgefühlen vermittelt.

Die Studienautoren beobachteten zudem, dass je stärker Personen die moralische Selbstregulation beim Fleischkonsum deaktivieren, sie auch allgemein dazu neigen, Prozesse der moralischen Selbstregulation bei ihrer Verhaltenssteuerung auszublenden. Tatsächlich zeigte sich in der Studie auch ein Zusammenhang zwischen der Deaktivierung der moralischen Selbstregulation beim Fleischkonsum und einem Standpunkt, der allgemein die Notwendigkeit einer Orientierung des eigenen Verhaltens an ethischen Werten verneint.

 

Personen, die ihre moralische Selbstregulation beim Fleischkonsum ausblendeten, zeigten auch geringere Werte in Empathie und neigten stärker dazu, auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft bestimmte Gruppen zu diskriminieren. Gleichzeitig wiesen sie eine erhöhte soziale Dominanzorientierung auf und plädierten stärker für die Überlegenheit des Menschen gegenüber Tieren.

 

Männer wiesen deutlich stärkere moralische Ausblendungsprozesse  beim Fleischkonsum auf als Frauen. Dies überrascht nicht, da Frauen weniger Fleisch essen als Männer und der Anteil von Frauen unter Vegetariern und Veganern weitaus überproportional ist. Die Ausblendung moralischer Werte beim Fleischkonsum scheint somit auch Ausdruck eines noch immer nicht überwundenen Macho-Verhaltens zu sein.

Darüber hinausgehend konnten die Autoren aufzeigen, dass das Ausmaß an moralischen Ausblendungsprozessen beim Fleischkonsum die Bereitschaft absenkt, künftig den Fleischkonsum zu reduzieren.

Strategische Folgerungen

 

Die Studienbefunde machen erneut deutlich, dass der gesellschaftliche Fleischkonsum als tief verankerte gesellschaftliche Gewohnheit nicht einfach zu verändern ist. Denn Fleischesser immunisieren sich gegen die negativen Folgewirkungen des Fleischkonsums, indem sie zu Rechtfertigungs- und Leugnungsstrategieen greifen. Dadurch gelingt es ihnen, Schuld-und Schamgefühle zu reduzieren, die ansonsten dem Fleischkonsum öffentlich (Schamgefühle, Schuldgefühle) und auch privat (Schuldgefühle) entgegenstehen könnten.

In Anbetracht der schwierigen gesellschaftlichen Situation für den Veganismus sowie der begrenzten Ressourcen folgt aus diesen Befunden, dass für die weitere Verbreitung der veganen Lebensweise Anstrengungen unternommen werden sollten, um den moralischen Ausblendungsprozessen entgegenzuwirken. Da diese aber maßgeblich durch Leugnung, Rechtfertigung und Abschottung getragen werden, ergibt sich eine reduzierte Erreichbarkeit.

Fleischkonsum weist enge Bezüge zu rechter Ideologie auf und geht allgemein mit einer Verminderung von Empathie und Prosozialität sowie einer verstärkten Bereitschaft zu Diskriminierung und Ausgrenzung einher. Die besten Aussichten für die weitere Verbreitung des Veganismus bestehen daher in einer Fokussierung auf potentiell eher erreichbare Menschen, die rechte Ideologien und Konservatismus ablehnen, sich sozial- und ökologisch engagieren und in ihrem Alltag Mitgefühl und Empathie für die Opfer von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung zeigen. Vielen dieser grundsätzlich erreichbaren Menschen ist noch nicht bewusst, dass die Tierausbeutung, die sie durch ihren Fleischkonsum fördern, den eigenen moralischen Werten und Idealen wie der eigenen Fähigkeit zu Mitgefühl und Empathie entgegenstehen.

Rechtskonservative Stammtischbesucher, deren sogenannte Heimattreue sich auf das Verschlingen von Schweinehaxen, das Trinken von Bier und die Ausgrenzung von Flüchtlingen bezieht, sind für die vegane Idee derzeit nicht erreichbar und sollten von daher außen vorgelassen werden.

Je stärker es aber gelingt, innerhalb der prosozial-ökologisch denkenden Bevölkerung die Notwendigkeit und Möglichkeit zu Fleischverzicht und veganer Lebensweise zu verankern, desto mehr dürfte dies auch zu einer allgemeinen  Verbreitung von Mitmenschlichkeit und Solidarität und damit einhergehend zur Erosion menschen- und tierverachtender rechter Ideologien und unreflektierten Traditionsbezugs führen. Bis es soweit ist, sollten alle Ressourcen für die Verbreitung der veganen Idee und Lebensweise auf den potentiell gut erreichbaren Bevölkerungsteil fokussiert werden, um sinnlose Verausgabungen zu vermeiden und die Effektivität der Aufklärungsarbeit zu steigern.

Veganer sollten daher dort präsent sein, wo Menschen gegen anderes Unrecht, wie Fremdenfeindlichkeit und Hetze, Ausbeutung, Armut und Krieg kämpfen. Denn nur im engen Bündnis mit denjenigen, die sich prosozial für andere Menschen einsetzen und damit ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur Empathie unter Beweis stellen, könnte es langfristig gelingen, die gegenwärtigen Unrechtsstrukturen in der Gesellschaft zu überwinden und damit auch dem Unrecht von Nutztierhaltung und Fleischkonsum ihr längst verdientes Ende zu bereiten.

Die schlechte Nachricht ist, dass es gegenwärtig einen erheblichen Bevölkerungsanteil gibt, der aufgrund seiner Verankerung in konservativ-rechtsgerichtetem Denken, unreflektiertem Traditionsbezug, Egozentrismus und Deaktiverung der moralischen Selbstregulation für eine pro-vegane Argumentation dezidiert nicht erreichbar ist. Die Distanz zu einer prosozialen Lebensführung wird bei  Vertretern dieses Bevölkerungsanteil bereits dadurch deutlich, dass sie immer wieder den Begriff des „Gutmenschen“ gegen Veganer, Tierrechtler und Menschenrechtler ins Feld führen, ohne zu bemerken, dass sie sich damit selbst als „Schlechtmenschen“ outen. Da das Interesse der entsprechenden Personen auf die eigene Person bzw. die Eigengruppe fokussiert ist, prallen darüber hinausgehende ethische Argumente, wie dass durch die vegane Lebensweise Tierleid und der Welthunger gemindert werden könnten, an ihnen ab.

Die gute Nachricht ist aber, dass es einen erheblichen Anteil der Bevölkerung gibt, der für die vegane Argumentation grundsätzlich offen ist, weil für ihn Werte von Prosozialität und Hilfsbereitschaft für das eigene Handeln und die politischen Grundpositionen maßgeblich sind. So ordnen sich 34% der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland dem eher linken Spektrum zu und legen Wert darauf, sich nicht an Gruppenegoismus und nationalen Partikularinteressen, sondern an Werten von globaler Solidarität und Mitmenschlichkeit in ihrem politischen Denken und eigenen Handeln zu orientieren. Motivation bei ihnen ist nicht bloß das Streben nach eigener Sicherheit und Wohlstand, was schnell zu Abschottung und Unmenschlichkeit führen kann, sondern die weltweite Beseitigung von Elend und Not. Damit aber kann die vegane Idee bei diesen Menschen offene Türen einrennen, wenn es Vertretern des Veganismus gelingt, deutlich zu machen, dass es genau diese globalen und universalen Werte von Solidarität und Mitmenschlichkeit sind, die der Veganismus vertritt und die die vegane Lebensweise individuell und gesellschaftlich notwendig machen.

Zu warnen ist vor jedem Versuch einer apolitischen Querfront, bei der nach dem Motto „Hauptsache vegan“ eine Zusammenarbeit oder gar ein Bündnis mit Vertretern menschenfeindlicher, rechtsgerichteter Ideologien eingegangen wird. Denn ein solches Bündnis würde drohen, die geöffneten Türen derjenigen für den Veganismus zu verschließen, die am besten für die vegane Lebensweise erreichbar sind. Gleichzeitig müsste der Veganismus so vorwiegend mit egoistisch orientierten Gesundheits-, Fitness- oder Abnehmargumenten verbreitet werden, von denen bekannt ist, dass sie im Regelfall nicht zu einer dauerhaften Umstellung auf eine vegane  Lebensweise führen, weil ihnen eine tiefere ethische Basis fehlt.

Die vegane Idee und Lebensweise ist hochpolitisch, weil sie die gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen in allen Kulturen als Unrechts- und Ausbeutungsstrukturen entlarvt und sie überwinden möchte. Diesen politischen Charakter der veganen Lebensweise nehmen zu wollen, würde bedeuten, ihr den entscheidenden Antrieb zu nehmen und die Entstehung einer veganen Gesellschaft auf Sankt Nimmerlein zu verschieben.

 

Die aktuelle Studie kann für die Verbreitung der veganen Lebensweise entscheidende Hilfestellung liefern, wenn die richtige Zielgruppe ausgewählt und die Argumentation auf die Widerlegung und Aushebelung der Verleugnungs- und Ausblendungsprozesse gelegt wird, die es selbst prosozial orientierten und mitfühlenden Menschen derzeit oft noch möglich machen, Fleisch zu konsumieren, ohne überhaupt zu bemerken, was sie damit tun.