Das leise Flehen der Stadttaube

 

Ein Täubchen sitzt seit heute Morgen
auf dem Dach am Nachbarhaus.
Nun mach ich mir langsam Sorgen,
denn es sieht so traurig aus.

Wie im Traum hör ich es weinen.
Ist das real? Das gibt`s doch nicht!
Doch dann schau ich zu dem Kleinen,
weil es leise zu mir spricht:

Ich lebe hier mit anderen Tauben
inmitten eurer schönen Stadt.
Ihr Menschen werdet es kaum glauben,
wie schwer man es als Taube hat.

Wir sind nicht alle hier geboren!
Gezüchtet für den Taubensport,
doch gingen wir im Flug verloren,
und landeten an diesem Ort.

Auf der uns aufgezwungenen Reise
durch die oft unwirtliche Welt
leidet so mancher Freund ganz leise,
bis er erschöpft vom Himmel fällt.

Wir sind verlorene Taubenseelen,
man hat uns einfach ausgesetzt.
Anstatt auf Mitgefühl zu zählen,
hat man uns kaltblütig verletzt.

Wir sind durch euch zu dem geworden,
was ihr heut Taubenplage nennt.
Ihr lasst uns hungern und ermorden,
obwohl ihr uns kaum wirklich kennt!

Ihr wollt uns überall vertreiben
und findet alles an uns schlecht.
Ihr lasst uns keinen Ort zum Bleiben,
weil ihr glaubt, ihr seid im Recht.

Wir sollen uns vom Müll ernähren,
das macht uns krank auf jeden Fall.
Wenn dann Bakterien in uns gären
entstehen Häufchen überall.

Was ist passiert seit all den Jahren
als uns der Mensch als Freunde sah?
Als wir noch Friedensboten waren?
Ist das für euch denn nicht mehr wahr?

Symbol der Liebe sind wir noch
für euch auf jedem Hochzeitsfest.
Viel besser wäre es jedoch,
wenn man uns friedlich leben lässt.

Ihr müsst nicht jedes Täubchen lieben,
wenn es euch Unbehagen bringt.
Seid ihr von zu viel Angst getrieben,
dann schaut mal hin, wie schön wir sind.

Seht ihr die Farben im Gefieder?
Sie leuchten auch im fahlsten Licht,
so wie ein Tropfen Tau im Flieder
auf dem gerad` ein Lichtstrahl bricht.

Spürt ihr die Angst in unseren Herzen,
wenn ihr uns ständig nur verjagt …
wenn ihr versucht, uns auszumerzen,
weil man sich über uns beklagt?

Ach baut uns doch ein Taubenhaus
zum Schlafen und mit Futter drin.
Dort ziehen wir nie wieder aus
und es macht auch ganz viel Sinn.

Wir müssen nicht mehr in der Stadt
in Scharen bettelnd bei euch sein,
denn alle Tauben sind ja satt
und die Gebäude bleiben rein.

Wenn wir euch unsere Eier geben,
dann tun wir dies aus Dankbarkeit
für ein erfülltes Taubenleben
ganz ohne Hass und ohne Streit.

Doch müsst ihr auch dem Züchter sagen
dass er die Zucht in Grenzen hält.
Damit sogar in fernen Tagen,
kein Täubchen mehr vom Himmel fällt.