„Ihr seid ja alle solche Gutmenschen!“

 

„Ihr seid ja alle solche Gutmenschen!“ – ein Stigma

Es ist ein Satz, der all jenen immer wieder begegnet, die sich für etwas Soziales engagieren. Menschen, die sich für andere einsetzen, egal ob für Flüchtlinge, “Nutz”tiere oder die Natur, kennen ihn sehr gut: “Ihr seid ja alle solche Gutmenschen!” Und obwohl die beiden Wörter an sich ja nichts Schlechtes bedeuten – “gut” und “Mensch”- soll die Fusion der beiden wohl als Beleidigung oder zumindest abwertend gemeint sein. Ein Gutmensch zu sein, ist in der heutigen Gesellschaft anscheinend nichts Erstrebenswertes, sondern eher etwas, was einem peinlich sein sollte. Mensch wird belächelt und nicht für voll genommen, manchmal sogar beleidigt.

Gerade im Tierrechtsbereich ist jede_r Aktivist_in des Öfteren Anfeindungen von außen ausgesetzt. Sei es von Passant_innen, die sich belästigt fühlen, weil mensch in der Fußgängerzone über das Tragen von Pelz aufklärt, oder aber von Unternehmen, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen, wenn mensch öffentlich über die Zustände in Ställen oder Mastanlagen berichtet. Die Gutmenschen sind dort nicht gerne gesehen, weil sie unbequem sind, auf Missstände hinweisen und sich nicht den Mund verbieten lassen. Ich bin seit einem Jahr aktive Tierrechtlerin und gehöre seitdem auch zu den Gutmenschen. Vorher war ich „nur“ Vegetarierin und habe über den Missbrauch von Tieren selten gesprochen und – zugegebenermaßen – auch nicht so intensiv darüber nachgedacht, wie ich es heute tue. Dann habe ich weitergedacht, mich informiert und mir klar gemacht, dass ich mit dem Verzicht auf Fleisch zwar schon viel Gutes tue, aber dass es noch so viel mehr Baustellen gibt, die ich allein dadurch nicht verbessern kann. Und so wurde ich Veganerin und, wie ich es gerne nenne, eine Tieradvokatin.

Ich fing zuerst nur an, Buttons zu tragen. “Kiss me, I´m Veggie” fanden auch viele von meinen Freunden witzig. Ich begann, auf Demos zu gehen, aktiv auf Veranstaltungen Menschen zu informieren, das fanden viele auch noch ganz toll und bewundernswert. Als ich dann aber begann, auch auf meinen Profilen in sozialen Netzwerken immer wieder und auch immer öfter Artikel zum Thema Tierrechte und Tierausbeutung zu posten, wurde das Verständnis schon geringer. Nicht selten musste ich mir anhören, ich hätte mich so verändert, ich wäre gar nicht mehr die Person, die sie mal kannten. Ja, diesen Schuh musste ich mir anziehen – und er passte mir ganz ausgezeichnet. Dass das tatsächlich so gewünscht war, konnten manche nicht verstehen. “Vegan sein” sei ihnen zu “krass”, zu “militant”. Man könne alles übertreiben und die Kirche müsse schon im Dorf bleiben. Sachliche Gespräche zu Themen wie Milchkonsum oder dem Schreddern von Küken waren nicht möglich. Aber nicht, weil ich anfing sie anzuschreien, in Tränen auszubrechen und sie für ihren Konsum zu verurteilen, so wie es uns Tierrechtlern ja auch immer unterstellt und vorgeworfen wird. Mag sein, dass es solche Tierrechtler_innen gibt, aber die schreien dann vermutlich auch im alltäglichen Leben ganz gerne mal rum und haben einen sehr schwach ausgeprägten Geduldsfaden. Nein, solche Diskussionen waren und sind selten möglich, weil es dahin geht, wo viele Menschen nicht hinwollen: ans Hinterfragen der eigenen Gewohnheiten, an die eigene Bequemlichkeit und – da muss mensch auch ganz ehrlich sein – an die eigene Ignoranz.

Genau das ist es auch, was vielen “Gutmenschen” immer wieder vorgeworfen wird. Sie würden versuchen, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen, andere Menschen verurteilen und ihnen ihre Moralvorstellungen und Werte aufzwingen wollen. Und da stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie kann das sein? Wenn ich doch gefestigt bin in meiner Sicht der Dinge, in meiner Art zu leben, in dem was ich täglich konsumiere, toleriere und akzeptiere, dann kann mich doch ein einzelner Gutmensch nicht so aus der Fassung bringen. Kann es nicht vielleicht sein, dass man doch tief drinnen, vergraben unter den Dingen, die althergebracht, bequem und gewohnt sind, einen Punkt trifft, von dem mensch eigentlich schon ganz genau weiß, dass es da noch Verbesserungspotential gibt? Dass es nicht ganz korrekt ist, dass mensch sich so wenig Gedanken über die Kälbchen macht, die in der Milchindustrie als Abfallprodukt gesehen werden? Dass es doch nicht wirklich in Ordnung ist, dass Schweine nie die Möglichkeit haben, ein anständiges Leben zu führen, weil sie wegen der Fleischlust des Menschen wie Gefangene gehalten und dann geschlachtet werden? Kann es nicht sein, dass die Gutmenschen einfach an das Gute im Menschen appellieren (so, wie es dem Namen nach ja auch ihre Aufgabe ist) und deswegen oft so nervig sind?

Ich möchte an dieser Stelle auch nicht verschweigen, dass es bestimmt Tierrechtler_innen gibt, die auf sehr penetrante Art und Weise versuchen, ihre Argumente vorzubringen. Das ist nur menschlich und das darf mensch auch nicht verheimlichen. Aber letztendlich, und das ist es doch, worum es eigentlich geht, ist die Quintessenz, die hinter Keifen, erhobenem Zeigefinger und Belehren steckt, eine ziemlich Wahre: Dass alle anderen Tiere unter dem Menschen leiden müssen. Dass wir als Menschen es in der Hand haben, in unserem Konsum und Verhalten viele Dinge zum Positiven zu verändern. Was es dazu braucht, ist die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und evtl. den eigenen moralischen Kompass immer wieder neu zu justieren. Was es braucht, sind “Gutmenschen”. Gute Menschen, die einander und anderes Leben mit Respekt, Achtung und Anstand behandeln.

Also lasst uns doch versuchen, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Dann sind wir vielleicht irgendwann nicht mehr nur die Guten, sondern die “Bessermenschen”. Ich finde diesen –  wenn auch kindlich-naiven – Gedanken einen ganz schönen. Ihr nicht?


Seid ein Teil der Lösung, nicht des Problems! Diejenigen, die tatenlos zusehen, zuhören und nur reden, sind nicht besser als diejenigen, die wegsehen, weghören und schweigen. Probleme muss mensch zu lösen versuchen, sonst wird mensch ein Teil von ihnen. Die systematische Tierausbeutung muss endlich ein Ende finden! Es liegt an jeder und jedem von uns, ihren_seinen Beitrag zu leisten. Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Denn Mitleid ist zu wenig!

Online ein paar Klicks zu machen, mag gut für das eigene Gewissen sein, hilft aber nicht wirklich. Es gibt jedoch einiges, das ihr tun könnt, das wirklich einen Effekt haben kann. Steht auf mit uns, protestiert, informiert alle, damit der Druck auf Medien und Politik wächst und unterstützt unsere Arbeit. Gemeinsam sind wir stark! Jede_r kann etwas beitragen, seid dabei & schaut hier, wie ihr aktiv für Tiere und ihre Rechte werden könnt!