Würste sind die neuen Zigaretten

 

Wurstproduktion in Handarbeit: Sind Fleischesser bald die neuen Asiozialen? Foto: Reto Oeschger

Würste sind die neuen Zigaretten

Der gesellschaftliche Abstieg des Fleischessens hat begonnen.

Die guten Zeiten? Vorbei, für immer. Das begriffen die Raucher vor einigen Jahren. Ihre Sucht, einst Accessoire aller Coolen, galt plötzlich als asozial und gefährlich. So gefährlich, dass der Staat sie bekämpfte. Mit Verboten, mit Steuern.

Da erhoben die Raucher das Rauchen zum Ausdruck persönlicher Freiheit; zur wertvollen Kulturtechnik, die Wirtshäusern Heimeligkeit einhauchte. Die Verteidigung nützte wenig. Zu durchschaubar blieb, dass die Raucher den eigenen Genuss schützen wollten.

Jetzt kommen die Carnivoren an die Reihe. Tägliches Fleischessen, einst Symbol des Aufschwungs, könnte bald als asozial und gefährlich gelten. Unser Vieh produziert bereits heute 14,5 Prozent aller Treibhausgase. Um 1 Fleischkalorie zu erhalten, braucht es 30 Getreidekalorien. Die Kühe der Reichen essen das Getreide der Armen. Dazu kommt: Massentierhaltung entwertet Tiere zu Waren und züchtet antibiotikaresistente Keime. Ganz neu ist das alles nicht. Neu ist, dass die umweltzerstörenden Nebenwirkungen des Massenfleischkonsums in den Mainstream durchsickern.

Ausdruck von Freiheit?

Die Fleischesser wehren sich genauso wie einst die Raucher: Sie verklären die eigene Vorliebe zum Kulturgut, zum Ausdruck von Freiheit. Dabei sind die meisten Raucher längst fügsam geworden, haben aufgehört, die Kollateralschäden ihres Tuns zu vernebeln. Sie rauchen so, dass sie nur sich selber schaden; draussen oder zu Hause. Ohne zu murren, bezahlen sie ständig steigende Tabaksteuern.

Strafabgaben auf Fleisch lassen sich in der Schweiz kaum durchsetzen. Es gibt mehr Fleischesser als Raucher, ihre Lobby hat die stärkeren Muskeln. Doch vielleicht werden Menschen, die Billigfleisch essen, bald scheel angesehen – so scheel wie Menschen, die sich auf Spielplätzen eine Zigarette anstecken.

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