Lilly

 


Es ist das erste Mal, dass Lilly etwas von der grossen weiten Welt sieht. Es ist das erste Mal, dass sie frische Luft schnuppert. Gebannt blickt sie nach draussen, sieht Autos an ihr vorbeidonnern, sieht Landschaften, sieht die Sonne. Eigentlich hat sie grosse Angst, aber da ist auch eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit, Bewegung, nach erforschen und entdecken…

Lilly ist nicht allein. Mit ihr in einem Transporter sind über 100 Artgenossen. Alle sind unruhig, unsicher, ängstlich. Sie fahren auf der A1 Richtung Süden. Aber nicht – wie Lilly hofft – an einen Ort wo sie ihren Drang nach Leben endlich stillen darf. Sie fahren in ein Schlachthaus. Damit Lilly und ihre Freunde als Schnitzel für diejenigen enden, für die Lillys Wert nur in Euros, Kilos oder Stückzahl ausgedrückt wird.

Lillys Leben, welches kaum richtig begonnen hat, wird noch am selben Tag beendet. Knapp fünf Monate stand sie in einem Maststall, einer ununterbrochenen Langeweile ausgesetzt. Ihre Bedürfnisse wurden konstant missachtet, ihre Individualität ignoriert.

Als Lilly das erste Mal etwas von der grossen weiten Welt sieht, das erste Mal frische Luft schnuppert und das erste Mal die Sonne spürt, ist ihre vom Mensch bestimmte Daseinsberechtigung praktisch erloschen. Das Leben, welches eigentlich über 20 Jahre hätte dauern können, wird jäh und brutal beendet. Weil das Leben eines Schweines für den Menschen nicht zählt. Nicht wenn er sein Schnitzel essen möchte.