Jeffs Geschichte – Damals und heute.

 

Micky war mein erster Hund. Er wurde als neugeborener Welpe im Wald ausgesetzt. Schwach, hungrig, und nicht größer als eine Hand kam er damals zu uns. Ich kam gerade in den Kindergarten, also waren wir beide noch fast Babys als wir uns kennen lernten. Micky war nicht nur mein erster Hund, sondern auch mein erster Freund. Wir haben jeden Tag gemeinsam verbracht. Wir spielten gemeinsam, wir faulenzten gemeinsam auf dem Sofa, wir gingen gemeinsam spazieren, und ich habe ihm immer meine T-Shirts angezogen, die ihm mit der Zeit viel zu groß wurden. Ich war am Boden zerstört, als er mit 16 Jahren starb.

Ich erinnere mich besonders gerne an die Zeit zurück, als Micky versteckt unter dem Tisch saß, während ich als kleiner Junge das deftige Essen meiner Mutter genoss. Und wenn sie nicht hinsah, habe ich ihm immer heimlich etwas abgegeben. Wenn sie mich dabei erwischte, habe ich immer gesagt, dass ich ihn nur streicheln würde. Und dabei kam es mir lange Zeit nicht in den Sinn, wie seltsam es doch eigentlich ist, dass ich mit der einen Hand meinen Hund streicheln konnte, während ich gleichzeitig mit der anderen Hand das Fleisch eines Rinds aß. Ein Rind, das einmal mindestens genau so intelligent, empfindsam, sich seiner Selbst bewusst war und das Leben genießen wollte, wie mein Hund. Ich wollte wohl auch gar nicht darüber nachdenken. Es war einfacher, es nicht zu tun.

Bis ich eines Tages auf Hof Butenland war, einem Lebenshof für gerettete Nutztiere. Hier lebte eine Kuh mit einem lustigen Namen: Gisela. Ihre Geschichte war allerdings nicht so lustig. Sie kam aus der Milchindustrie und musste innerhalb von 17 Jahren 15 Kälber zur Welt bringen. Alle 15 Kälber wurden ihr aber nach der Geburt weg genommen, was einen wahnsinnigen Trennungsschmerz für Mutterkuh und Kalb darstellt. Durch die ständige Schwangerschaft und ständige Milchproduktion war ihr Körper komplett zerstört. Sie war abgemagert, hatte Gelenkprobleme, war krank. Irgendwann lag sie nur noch am Boden und konnte nicht mehr aufstehen. Wahrscheinlich wollte sie auch nicht mehr aufstehen, denn sie weigerte sich auch das Heu zu fressen, das man ihr brachte. Es sah so aus, als würde sie bald sterben.
Doch kurz darauf stand eine Kuh auf der Weide, die nicht zum Hof gehörte. Über die Ohrmarke fanden wir heraus, dass sie zu einem benachbarten Milchbauern gehörte. Sie war hochschwanger und wir entschlossen uns, sie frei zu kaufen. Dass ich mal „Besitzer“ einer Kuh sein würde, hätte ich mir auch nie erträumen können. Die Kuh tauften wir Dina. Und schon am nächsten Tag brachte Dina ihren Sohn Mattis zur Welt (ausgewachsen ku(h)schelnd mit mir rechts im Bild). Und am Tag der Geburt passierte das Unglaubliche: Gisela stand plötzlich auf und humpelte zu diesem neu geborenen Kalb hin. Und sie fing an, sich um Mattis zu kümmern, als sei er ihr eigenes Kind. Obwohl sie 15 Kälber zur Welt bringen musste, durfte sie jetzt zum ersten Mal Mutter sein. Und sie genoss es sichtlich und blühte in dieser lange vermissten Rolle sichtlich auf. Leider starb sie dennoch einige Monate später. Zu stark war ihr Körper durch die jahrelange Ausbeutung geschwächt. Dina und Mattis lagen danach noch lange Zeit an dem Ort, an dem sie verstarb. Ich konnte es nicht fassen: Kühe trauern! Genau so wie Hunde. Genau so wie mein Hund Micky. Dies zu erleben, hat ein immer stärker werdendes Gefühl in mir bekräftigt: Ich wollte nie wieder Fleisch essen. Und Schritt für Schritt habe ich es mir langsam abgewöhnt. Heute lebe ich komplett fleischfrei. Und es geht mir großartig damit!

Heute weiß ich: Wir alle werden in eine Gesellschaft hineingeboren, in der eine unsichtbare Ideologie dominiert und uns sehr tief in unserem Denken und Handeln prägt: ‪#‎Karnismus‬. Karnismus bringt uns bei, bestimmte Tiere zu essen. Er schaltet unser natürliches Mitgefühl für die Tiere, die wir als essbar einstufen, unbewusst aus. So dass wir in der Lage sind, mit der einen Hand einen Hund zu streicheln, während wir mit der anderen eine Kuh essen. Ohne dass wir dabei vollständig realisieren, was wir tun. Er lässt uns gegen unsere Grundwerte verstoßen, Werte wie Mitgefühl, Respekt, Authentizität und Gerechtigkeit. Und er versucht zu verhindern, dass wir uns dessen bewusst werden, indem er Denken und Fühlen ausschaltet. Weswegen ich früher auch lieber nicht darüber nachdenken wollte.

Doch Micky und Mattis haben diese Prägung gebrochen. Die beiden brachten mir bei, dass Respekt gegenüber allen Lebewesen auch bedeutet zu respektieren, dass ganz egal wie unterschiedlich wir auch sein mögen, sie dennoch alle ein Leben haben, das ihnen etwas bedeutet. Wie der Philanthropist Philip Wollen sagte: In ihrer Fähigkeit, Schmerz und Angst zu verspüren, ist ein Schwein ein Hund, ein Bär, ein Junge. Wenn wir uns dessen wieder bewusst werden, können wir Integrität und Authentizität beweisen und wie Gandhi die Veränderung werden, die wir in der Welt sehen möchten.