Eine Kurzgeschichte über Tierversuche und Botox

Bertha
Eine Kurzgeschichte über Tierversuche und Botox

Geboren am 30.4.2009 in einem kleinen Dorf in England.
Gestorben am 12.09.2009 in Hampshire.

Das Leben von Bertha war kurz, so kurz, dass man behaupten könnte, sie sei damals nur auf diese Welt gekommen, um zu sterben. Natürlich kann man scharfsinnig argumentieren, dass alle Wesen einzig auf diese Welt kommen, um eines Tages zu sterben. Doch bei den meisten liegt dazwischen eine längere Zeitspanne, in der das Leben gelebt wird, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, Freuden und Leiden.
Wahrscheinlich verspürte Bertha in den ersten Monaten ihres Daseins Lebensfreude. Dann, wenn sie von ihrer Mutter gesäugt wurde oder zusammen mit ihren Geschwistern im Käfig herumturnte. Zwar war dieser eng, es gab auch keinen Auslauf und das Futter war kärglich, doch die Nähe seiner Lieben hatte schon manches Geschöpf über beklagenswerte Umstände hinweggetröstet.
Berthas Bestimmung und ebenso die ihrer Geschwister, war bereits vor ihrer Geburt festgelegt worden. Nach vier Monaten wurde Bertha, eine Maus mit schneeweißem Fell und roten Augen, zusammen mit hunderten anderen Mäusen, in das Labor eines großen Konzerns gebracht. Man sperrte sie in einen winzigen Käfig, der fünfte in einer endlos langen Reihe und Bertha bekam die Nummer 715, etwas Wasser und trockenes Futter.
Ein paar Tische aus blitzendem Stahl füllten die Mitte des Raumes, an der hinteren Wand waren einige Regale angebracht und eine große Uhr, die Tag für Tag ihre trägen Zeiger in eintöniger Bewegung über das Ziffernblatt schob. Das restliche Mobiliar bestand aus drei Schreibtischen und Gestellen mit Reagenzgläsern. Die Menschen, die dort arbeiteten, hatten fast alle eine Familie zu Hause und einige unter ihnen besaßen auch einen Hund oder eine Katze.

In der ersten Woche passierte wenig. Nur einmal öffnete sich der Käfigdeckel und eine breite Hand, die mit einem dünnen, gelblichen Plastikhandschuh überzogen war, holte eine erschreckte Bertha aus ihrem Käfig. Man nahm ihr Blut ab, befühlte ihren Bauch und leuchtete in ihre Augen und Ohren. Bertha war verängstigt, sie fürchtete sich vor den Plastikhänden und war froh, bald wieder in ihrem Käfig zu sein.
Einmal in der Nacht kam der Wachmann und ging mit langsamen, festen Schritten durch das Labor. Ab und zu leuchtete der Schein seiner Taschenlampe in einen Käfig hinein und schreckte eine Maus auf. Der Wachmann war jedes Mal froh, wenn er diesen Raum wieder verlassen konnte, denn in all den Jahren hatte er schon viel gesehen, und so manches Bild lastete wie ein schwerer Granitstein auf seiner Seele. Am Anfang seiner Dienstzeit hatte er sich kaum Gedanken gemacht, er war nur froh gewesen, einem vom Bürgerkrieg geschüttelten Land entkommen zu sein und nach einem langen Asylrechtsverfahren endlich einen Job gefunden zu haben, um seine kleine Familie halbwegs ernähren zu können. In der letzten Zeit aber hatte er sich immer wieder die Zeitung gekauft und Stellenanzeigen gelesen. Doch die wenigen Angebote, die für ihn in Frage kamen, waren entweder bereits vergeben, oder man hatte ihm freundlich und knapp mitgeteilt, dass er nicht die entsprechenden Qualifikationen besaß.
Berthas Käfig war so klein, dass sie genau zwei Sekunden brauchte, um von einer Ecke in die andere zu gelangen. Die meiste Zeit saß sie einfach da, manchmal schlief sie auch oder knabberte an etwas, und gelegentlich vollführte sie ein paar akrobatische Kunststückchen an den Gitterstäben. Man hätte meinen können, dass sie sich einfach in ihr neues Schicksal fügte, in diesen viel zu engen Käfig, der in einem Raum mit unfreundlichen Neonröhren stand und ohne die körperliche Nähe ihrer Artgenossen.

Neun Tage nach Berthas Ankunft begann der Test.
Es war der Morgen des zehnten Septembers, und in dem Versuchslabor herrschte bereits eine rege Betriebsamkeit. Die Stimmen der Menschen schwirrten hektisch durch die Luft, ein Telefon klingelte laut und aufdringlich, und irgendein Gegenstand fiel scheppernd auf den Boden. Nur die Zeiger der großen Wanduhr bewegten sich gleichmäßig wie immer und kreisten in eintönigen Bahnen über das Ziffernblatt. Die meisten Mäuse schienen die Unruhe zu spüren, sie kletterten nervös und angespannt in ihren Käfigen herum oder fiepten aufgeregt. Manche aber saßen ganz ruhig da, steif, wie eingefroren, und einzig ihre kleinen Schnauzen bewegten sich unruhig hin und her.
Auch Bertha rührte sich nicht.
Bis zu dem Moment, als sich der Käfigdeckel öffnete.
Und als der große gelbliche Plastikhandschuh nach ihr griff, versuchte sie ihm zu entkommen.
Doch wohin hätte sie fliehen können?
Sie flitzte hin und her, so schnell sie konnte, doch der Käfig war zu winzig und die Hand zu groß.
Jemand fluchte, und plötzlich wurde Bertha grob gepackt und so fest gehalten, dass ihr vor Schreck fast das Herz stehenblieb. »Pass doch auf«, sagte eine Stimme, als eine leblos scheinende Bertha auf einem blankgeputzten Stahltisch landete, »tote Mäuse nützen uns jetzt noch nichts!«
Bertha rührte sich erst wieder, als eine lange Nadel in ihre Bauchhöhle stach und das Gift innerhalb weniger Sekunden von ihrem kleinen Körper Besitz ergriff. Sie gab einen qualvollen Laut von sich, und um sie herum begann sich alles zu drehen. Die Hand mit dem gelblichen Plastikhandschuh legte sie wieder zurück in ihren Käfig, und da lag Bertha nun, mit weit aufgerissenen Augen, dem Gift in ihrem Körper, das blitzschnell jede Faser in Beschlag genommen hatte und einem entsetzten Blick, der ausdrückte, dass sie nicht verstand, was da gerade passiert war.
Die Menschen verstanden es.
Botulinumtoxin hieß das Bakteriengift, das sich in Berthas Körper ausgebreitet hatte und ihn zerstörte.

Als der Wachmann in dieser Nacht wie gewohnt seine Runde drehte und schließlich auch durch das Labor lief, wusste er sofort, dass heute wieder Testversuche gemacht worden waren. Nach all den Jahren hätte er nicht sagen können, warum er es mit Bestimmtheit wusste, wenn er den Raum betrat und noch bevor das Licht seiner Taschenlampe an einigen Käfigen entlang geglitten war. Er spürte es einfach. Irgendwie.
In diesen Nächten schien seine Taschenlampe immer schwer wie Blei, die Last, die auf seinem Herzen lag, breitete sich wie ein beklemmendes Gespenst in seiner Brust aus, und die Bilder verfolgten ihn noch lange danach in seinem unruhigen Schlaf. In jener Nacht fiel der Schein seiner Taschenlampe auf Berthas Käfig und ihre weit aufgerissenen, entsetzten Augen begegneten den seinen für einen Flügelschlag in der Ewigkeit. Er ließ die Taschenlampe sinken, und genauso sank das Herz in seiner Brust, das Licht glitt weiter, verschwand schließlich ganz aus dem Raum und ließ Bertha wieder in der Dunkelheit zurück.
Als der Wachmann am nächsten Morgen seinen Dienst beendete, verließ er das Gebäude mit dem Vorsatz, es niemals wieder zu betreten.

Berthas Todeskampf dauerte zwei Tage.
Zwei qualvolle Tage und Nächte, bis sie schließlich bei vollem Bewusstsein erstickte.
Achtundvierzig qualvolle Stunden.
Zweitausendachthundertachtzig Minuten.
Hundertzweiundsiebzigtausend und achthundert Sekunden.
Jede Sekunde so schrecklich wie die vorangegangene oder noch schrecklicher. Doch was bedeuten schon die Zeiteinheiten des Menschen? Für Bertha war es ein einziger, endlos scheinender, qualvoller Moment, der sich in der Unendlichkeit ausbreitete.

So endete das kurze Leben von Bertha, der Maus mit dem schneeweißen Fell und den roten Augen.
Sie starb für irgendeine Frau auf dieser Welt, die sich nicht damit abfinden konnte, dass das gelebte Leben Falten in ihr Gesicht gewebt hatte.
Und für einen Konzern, dessen Vorstände sich über die steigenden Verkaufszahlen ihres Produkts freuten.
Sie starb für Botox.

Quelle: http://aerzte-gegen-tierversuche.de/helfen/aktionen/937