Sprichst Du Pferdisch?

Rock the Nature Germanys Foto.

Sprichst Du Pferdisch?
Die feinen Antennen der Pferde

Es ist wohl dem Hollywood Blockbuster „Der Pferdeflüsterer“ zu verdanken, dass sich die breite Masse Gedanken über das Wesen und die Empfindung der Pferde gemacht hat. Galt bis dahin „Die harte Hand“ als bestes Erziehungsmittel, erkannten die Menschen plötzlich die feinen Antennen der hochsensiblen Tiere. Die Verbindung zwischen Pferd und Mensch basiert nämlich nicht aus Peitsche und Sporen. Körperliche Gewalt ist wie überall im Leben die Sprache der Prolls. Im Reitsport ist die Anwendung von Gewalt sogar proportional zur Leistungsklasse, in der die Pferde laufen müssen. Wer etwas anderes erzählt, erzählt Märchen. Weder im menschlichen noch im tierischen Sport besteht die Möglichkeit, körperliche Höchstleistung ohne Quälerei zu erreichen. Je höher die Klasse, desto brutaler das Training.

Kommen wir zurück zum Freizeitvergnügen. Das Verständnis zwischen Mensch und Pferd basiert auf Zuneigung, Vertrauen und einer Art Liebe, wie man sie ähnlich gegenüber seinen Kindern empfindet. Warum es trotzdem manchmal nicht so richtig klappen will, ist in den unterschiedlichen Sprachen begründet. Wir Menschen sprechen Deutsch, Englisch oder Spanisch. Pferde sprechen Pferdisch. Dabei ist das Problem nicht, dass das Pferd den Menschen nicht versteht, sondern, dass der Mensch das Pferd nicht versteht. Das Pferd ist in seiner Wahrnehmung nun einmal auf seine Sprache fixiert. Pferdisch ist eine Art Gebärdensprache, die weniger durch Worte, als vielmehr durch den Klang der Worte abgerundet wird.

Die Sprache ist aber nicht das einzige Problem. Leider ist bei einer großen Anzahl der Pferdebesitzer gar nicht das Verhältnis Mensch-Pferd der Beweggrund, sich ein Pferd „anzuschaffen“. Es geht um „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd“, das alte Problem der Selbstdarstellung. Viele Pferde dienen nur dazu, Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Das beschränkt sich übrigens nicht allein auf Männer. Frauen stehen in diesem Segment in nichts nach.

Die Pferde langweilen sich oft wochenlang in der Box, und plötzlich kommt so ein Fuzzi, die / der glaubt, dass ein Pferd wie ein Porsche oder SUV reagiert – Schlüssel umdrehen und GPS einschalten. So funktioniert das natürlich nicht. Solche Typen sollten eigentlich gar kein Pferd besitzen dürfen. Ein Pferd ist keine Maschine. Es läuft nicht digital, es reagiert nicht auf Knopfdruck, es spricht auch nicht Porschisch oder Mercedisch. Trotz seiner Domestizierung vor rund 10.000 Jahren, trotz seiner züchterischen Adaptionen ist und bleibt es analog. Es fühlt, es empfindet, es leidet und es wird nie eine andere Sprache sprechen als Pferdisch.

Was macht man also mit seinem Pferd, wenn man nach so einer Pause in den Stall kommt? Viele vergessen, dass es auch bei Stallbetreibern schwarze Schafe gibt. Viele nutzen das Desinteresse der Besitzer gezielt aus, und lassen die Tiere in der Box verkümmern. Wenn man zu seinem Pferd kommt, muss u.U. zuerst einmal die aufgestaute Power aus dem Tier. Ein Pferd ist ein Lauftier. Unter Umständen stand es tage- oder wochenlang ohne Bewegung in einer Box. Eigentlich sollte es erst gar nicht in einer Box eingesperrt sein, aber es ist nun einmal Usus. Nicht nur die Bewegung fehlt. Auch das Sozialverhalten ist eingeschränkt. Pferde sind Herdentiere. In freier Wildbahn laufen sie jeden Tag Kilometer. Wenn das Auspowern erledigt ist, dann muss der mentale Kontakt aufgebaut werden. „Ich Mensch – Du Pferd. Meinst Du, wir können ein wenig ausreiten? Komm lass es uns probieren. Das ist Links, das ist Rechts, das ist Gas und das ist Stopp.“ Das Pferd denkt, sich „OK, wenn’s Spaß macht, dann will ich kein Spielverderber sein.“

Mit das Wichtigste für das Verständnis von Pferden überhaupt: Pferde sind Fluchttiere, der Mensch ist ein Schocktier. Wenn wir Angst haben, dann erstarren wir Menschen erst einmal. Wenn das Pferd Angst verspürt, dann flieht es. Wenn wir also aus Angst in Schockstarre verfallen und wie verrückt am Halfter ziehen, dann bewirken wir beim Pferd genau das Gegenteil von dem, was wir bewirken möchten. Es erschrickt und will fliehen. Ein Auto bleibt schließlich auch nicht stehen, wenn man Vollgas gibt.
Pferde lenkt man nicht mit Gewalt sondern mit Ruhe, Gedankenübertragung und Fingerspitzengefühl. Eine Gewichtsverlagerung, eine Körperbewegung, ein Wimpernschlag, ein Fingerzeig, manchmal nur ein Gedanke, und das Pferd reagiert.

All das, was wir „so vorbildlich“ als Dressur-, Spring- oder Rennsport sehen, ist nichts anderes als steigende Tierquälerei, je höher es in den Leistungskategorien geht. Von der physischen und psychischen Qual her besteht kein Unterschied zwischen einem Zirkuselefanten, einem Delfin im Delfinarium und einem Dressurpferd bei Olympia.

Willst Du, dass Dir ein Pferd folgt? Dann dreh‘ ihm den Rücken zu, nicht das Gesicht. Das ist Pferdisch. Probiere es aus.