Pelzträger auf dem Vormarsch – Gandhi würde kotzen

 

Stellen Sie sich vor, sie setzen sich leidenschaftlich für Schwächere ein. Sagen wir für Kinder und die Beendigung der Kinderarbeit. Jahrelanges Engagement haben dazu geführt, dass Kinderarbeit nicht nur verpönt, sondern auch in den meisten Ländern verboten ist und die Menschen wissen, dass Kinder auszubeuten irgendwie falsch ist.

Stellen Sie sich nun vor, dass einige wenige Modezaren Kinderarbeit zum Trend machen und von Kindersklaven gefertigte Mode wieder richtig Chic wird. Videos von ausgebeuteten Kindern in großen dunklen Hallen kursieren durchs Netz und das Einzige, was Sie auf der Straße zu hören bekommen, ist: „Jetzt darf man wohl gar nichts mehr anziehen – verdammter Gutmensch!“ Zeitgleich zieren Labels mit der Aufschrift „aus ökologischer und nachhaltiger Kinderarbeit gefertigt“ die Jacken und Hosen der großen Marken.

Irgendwie grotesk?

Dann wissen sie ja jetzt, wie es mir geht. Zurecht war Echtpelz bis vor ein paar Jahren noch verpönt als Mode für ignorante Tierquäler. Heute ist es immer noch Mode für ignorante Tierquäler, allerdings ist sie massentauglich.

Heute hat man andere Probleme und will sich von Gutmenschen wie mir nicht vorschreiben lassen, was man als Verzierung auf der Jacke oder an der Mütze zu tragen hat. Pelz ist wieder Chic und kommt in den meisten Fällen ohne Kennzeichnung aus China, wird in Billigläden als Kapuze oder Pelzbommel verkauft und von vorwiegend jungen Menschen getragen.

Menschen die weder Zeit noch Lust dazu haben darüber nachzudenken, dass die Pelzbommel, die man sich gerade gekauft hat, irgendwie eine gewisse Ähnlichkeit mit Bello hat. Menschen die sich bei arktischen Temperaturen von 2 Grad Celsius mit einem dicken chinesischen Marderhundkragen Abhilfe verschaffen und sich fühlen wie in einer maskulinen Jack Wolfskin Outdoor Werbung.

Wer heute als überzeugter Tierschützer über Weihnachtsmärkte flanieren möchte, muss sich an den Gedanken gewöhnen, als Misanthrop nach Hause zurückzukehren.

Wer jedoch als solcher masochistisch veranlagt ist, der kann sich auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt die volle Dröhnung geben. Selbstbewusste Pelzträger nebst unzähligen Läden voller Foie Gras. Willkommen im Mittelalter.

Wenn Menschen wie ich, die sich bewusst gegen Tierleid aussprechen als „Gutmenschen“ bezeichnet werden, welches Prädikat würde dann jenen Menschen zustehen, welche bewusst das Leid eingesperrter Pelztiere und gequälter Stopflebergänse in Kauf nehmen? Kotzmenschen?

Gern wird bei Massentierhaltung die Schuld auf untätige Politiker geschoben. Diese Schuldzuweisung ist meiner Meinung nach nichtig, denn nichts ist einfacher, als den Schluss zu ziehen, dass das Leben eines Tieres mehr Wert sein muss, als ein modischer Pelzkragen und nichts ist einfacher, als nach links oder rechts zu greifen und ein anderes Produkt zu wählen.

Wer dazu nicht in der Lage ist, der hat entweder jegliche Empathie und Rücksicht gegenüber dem Leben verloren oder ordnet sich bereitwillig in die ignorante Masse unreflektierter Konsumenten ein.

Man muss das Problem aber auch gesamtgesellschaftlich sehen. Wie kann eine Gesellschaft diese Rückschrittlichkeit überhaupt akzeptieren? Wie kann ein Konsens darüber bestehen, dass wir bessere Haltungsbedingungen für Schweine und Hühner brauchen, während die Pelzindustrie aka Kotzmenschen, welche offensichtliche Tierquälerei ohne Legitimation betreibt, sich über ein historisches Umsatzhoch freut.

»Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.« Mahatma Gandhi würde uns wohl jeden moralischen Fortschritt absprechen, wenn er wüsste, dass wir heute wieder Tierfelle um die Schultern tragen, weil eine Plakatwerbung es uns befielt.