Nach stern TV-Bericht: Werden die Affenversuche im Max-Planck-Institut eingestellt?

 

Sedierte Affen, Tiere, die sich erbrachen, nicht verheilte Operationswunden – das waren Bilder, die stern TV im September aus den Versuchslaboren des Max-Planck-Instituts zeigte. Die Hintergründe.

Vor einigen Tagen sorgten die Aussagen von Nikos Logothetis, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen, für Schlagzeilen: In einer Pressemitteilung hieß es, er wolle künftig keine Tierversuche mehr an Affen durchführen.

Seit einem stern TV-Bericht im vergangenen Jahr hatte sich die Kritik an der Forschungseinrichtung wegen der Tierversuche massiv verschärft. Anlass des Berichts waren Undercover-Recherchen der „Soko Tierschutz“, die das Leben der Versuchsaffen in den Tierversuchslaboren in Tübingen dokumentierten. Bilder von Affen, die verhaltensauffällig waren. Tiere, die krank waren und sich erbrachen. Bilder von Affen, die sich gegen das so genannte Stangentraining wehren. Die stern TV-Redaktion prüfte das gedrehte Material drei Wochen lang auf Echtheit, Wahrheitsgehalt und Belegbarkeit der Vorwürfe, checkte die Chronologie der Bilder, sprach mit Experten.

Die Bilder sorgten nach der stern TV-Berichterstattung deutschlandweit für Furore. Die Staatsanwaltschaft Tübingen nahm Ermittlungen auf. Nikos Logothetis sah sich als Opfer einer Kampagne radikaler Tierversuchsgegner und sprach von aufkeimenden Anfeindungen, Drohmails gegen Mitarbeiter des Instituts und deren Familien und menschenverachtender Aggressivität. Die Max-Planck-Gesellschaft weist die Anschuldigungen von sich und unterstellt Manipulation. Die Vorwürfe an die Medien: „Mit Bildern aus der Tierhaltung, die zum Teil mit falschen Texten unterlegt oder bei denen Tiere mutmaßlich manipuliert wurden, wird tierexperimentelle Forschung diskreditiert“, heißt es in der Pressemitteilung vom 30. April 2015.

stern TV stellt klar:

Einen Manipulationsvorwurf möchte stern TV nicht stehen lassen: Am 18. August 2014 hatte sich der Friedrich Mülln von „Soko Tierschutz“ bei der Redaktion gemeldet. Bei einem Treffen übergab der Tierschützer den Redakteuren eine Festplatte mit Hunderten Fotos, Dokumenten und mehr als 100 Stunden Videomaterial. Die Aufnahmen stammten von dem Tierschützer Pawel, der ein halbes Jahr undercover als Tierpfleger im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen gearbeitet hatte.

Im Rahmen der Prüfung des Materials zeigte die Redaktion die Bilder auch der Landestierschutzbeauftragten Dr. Cornelie Jäger. Jäger war jahrelang für die Kontrolle des Max-Planck-Instituts zuständig und bestätigte: Die Bilder wurden dort aufgenommen. Das Fazit nach der umfassenden Recherche: Die Unterlagen von „Soko Tierschutz“ sind nicht manipuliert.

Am 9. September 2014 suchte ein Redakteur das Max-Planck-Institut auf, um mit den Wissenschaftlern über die aufgenommenen Bilder zu sprechen. Das Kamerateam musste draußen bleiben. Der Redakteur zeigte die Aufnahmen wiederholt mehreren Mitarbeitern, die sich dazu nicht äußerten. Niemand gab eine Erklärung ab oder dementierte. Stattdessen erhielt die Redaktion am folgenden Tag 11 Seiten Stellungnahme – und die Absage, einen Gesprächspartner ins Studio zu entsenden.

Am 10. September 2014 strahlte stern TV die dokumentarischen Video-Aufzeichnungen der Tierschützer erstmals aus. Sie zeigten unter anderem die Äffin „Stella“. Ihr Implantat im Kopf hatte sich entzündet, Stella hatte einen Schlaganfall erlitten und war halbseitig gelähmt, das Tier erbrach sich. Gesprächspartner in dieser Frage war Ivar Aune, ein erfahrener Lobbyist von der Gesellschaft für Versuchstierkunde, der stern TV vom Max-Planck-Institut für das Studiogespräch empfohlen wurde. Ivar Aune erklärte: „Das was Stella passiert ist, der Affe hat sich erbrochen, das waren unschöne Bilder. Wir müssen davon ausgehen, dass dort das Nervenzentrum getroffen worden ist, das den Brechreiz auslöst. Dieses Tier ist auch sofort nach diesen Aufnahmen eingeschläfert worden.“ Die Fakten sagen etwas anderes: Stella wurde erst fünf Tage nach den „unschönen“ Aufnahmen in einem Terminalversuch getötet, wie Dokumente des Max-Planck-Instituts belegen.

Max-Planck-Institut widerspricht sich

Am 17. Dezember 2013 hatte Pawel den Affen Boateng gefilmt, der betäubt in den Versuchsstuhl gesetzt wurde. Das Max-Planck-Institut hatte das in der Stellungnahme geleugnet: In keinem Fall werden sedierte/narkotisierte Tiere aufrecht in einen Stuhl gesetzt, weil dadurch akute Erstickungsgefahr droht.
Der Tierversuchslobbyist Ivar Aune ging noch weiter und beschuldigte den Tierschützer: „Das ist unfachmännisch. Das hat er ja im Film gesagt, er hat ihn selber eingehängt. Das darf er nicht.“
Die Bilder belegen jedoch, dass Pawel einen anderen Pfleger dabei filmte, wie er den Affen betäubt in den Versuchsstuhl setzte.

Der stern TV-Beitrag machte bundesweit Schlagzeilen. Das Max-Planck-Institut reagierte auf die öffentliche Empörung und beauftragte nach eigenen Angaben im Rahmen einer Presseerklärung einen „externen Experten“ mit der Begutachtung der Zustände am Institut, den Neurowissenschaftler Prof. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Treue gab an: „Ich habe keinerlei Hinweise darauf, dass es am Institut eine systematische Vernachlässigung der Tiere gibt, im Gegenteil. Die Tiere werden dort mit großer Sorgfalt und Professionalität behandelt.“ Richtig ist jedoch: Der angegebene „externe Gutachter“ Prof. Stefan Treue arbeitet seit Jahren eng mit dem Tübinger MPI zusammen, da in seinem Institut in Göttingen die toten Affenkörper des Max-Planck-Instituts pathologisch untersucht werden.

Eine Woche nach dem ersten stern TV-Bericht im vergangenen September beschäftigte sich die Sendung ein zweites Mal mit dem Thema. Diesmal stellte sich das Max-Planck-Institut der Diskussion und entsandte zwei Tierschutzbeauftragte zum Gespräch ins Studio, die eine neue Version für die Szene mit dem sedierten Affen Boateng lieferten und einräumten: „Tatsächlich muss der Primatenstuhl zu einem bestimmten Zeitpunkt im Training eingestellt und an das Tier angepasst werden. Das wird mit dem sedierten Tier gemacht.“ Die Bilder belegen jedoch eindeutig, dass der Affe im Versuchsstuhl aufwacht, er windet sich panisch und muss noch fast eine Stunde in dem Stuhl bleiben. Einstellungen an dem Stuhl werden nachweislich der Aufnahmen nicht vorgenommen.

Nach der stern TV-Berichterstattung hatte es rund ein Dutzend Strafanzeigen gegeben, so dass die Staatsanwaltschaft im Januar eine Hausdurchsuchung im Max-Planck-Institut durchgeführt hatte. „Im Kern geht es darum, dass die Tierhaltung und die Tierversuche beanstandet werden“, so Ronny Stengel, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen dauern noch an.

Weitere Versuche an Affen seien möglich

Am 30. April 2015 hat die Max-Planck-Gesellschaft eine Stellungnahme zu der Äußerung von Nikos Logothetis. Darin heißt es: Er …
… hat nun die Scientific Community darüber informiert, dass er nach Abschluss der laufenden und bereits genehmigten Experimente an Primaten zukünftig ausschließlich an Nagetieren forschen wird.

stern TV hat beim Regierungspräsidium Tübingen nachgefragt, wie lange die bereits erteilten Affenversuchs-Genehmigungen noch gelten: Bis Juli 2019 – noch länger als vier Jahre. Nikos Logothetis wird dann im Rentenalter sein. Für die Zeit nach ihm räumte eine Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft gegenüber der Stuttgarter Zeitung bereits ein, weitere Versuche an Affen seien ebenso möglich wie eine neue Ausrichtung des Instituts.

Ein Ende der Versuche an Primaten am Max-Planck-Institut in Tübingen ist demnach noch nicht beschlossen.


 

Sedierte Affen, Tiere, die sich erbrachen, nicht verheilte Operationswunden – das waren Bilder, die stern TV im September aus den Versuchslaboren des Max-Planck-Instituts zeigte. Die Hintergründe.
Vor einigen Tagen sorgten die Aussagen von Nikos Logothetis, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen, für Schlagzeilen: In einer Pressemitteilung hieß es, er wolle künftig keine Tierversuche mehr an Affen durchführen.

Seit einem stern TV-Bericht im vergangenen Jahr hatte sich die Kritik an der Forschungseinrichtung wegen der Tierversuche massiv verschärft. Anlass des Berichts waren Undercover-Recherchen der „Soko Tierschutz“, die das Leiden der Versuchsaffen in Tübingen dokumentierten. Einer der Tierschützer hatte sechs Monate lang mit versteckter Kamera im Max-Planck-Institut gedreht. Die stern TV-Redaktion prüfte das gedrehte Material anschließend wochenlang auf Wahrheitsgehalt und Belegbarkeit der Vorwürfe und strahlte die Bilder im September 2014 aus. Darauf waren unter anderem Primaten zu sehen, die sich erbrachen oder Anzeichen einer Traumatisierung zeigten.

Die Bilder sorgten nach der stern TV-Berichterstattung deutschlandweit für Furore: Die Staatsanwaltschaft Tübingen nahm Ermittlungen auf und durchsuchte im Januar das Institut in Tübingen. Das Max-Planck-Institut weist alle Vorwürfe von sich und unterstellt Manipulation. Der Grund für die Einstellung der Affen-Experimente seien nicht die Vorwürfe der Tierschützer, sondern die aggressiven Anfeindungen und Beschimpfungen, denen die Mitarbeiter des Instituts monatelang ausgesetzt gewesen seien. Was steckt wirklich dahinter? Hintergründe – Mittwochabend bei stern TV.