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Für alle, die meinen Hundetraining hat was mit „Befehle brüllen“ oder „Zwang und Druck“ zu tun
NEIN
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GEWALT IN DER HUNDEERZIEHUNG

Ein paar Gedanken zu einem heißdiskutierten Thema.
Wenn man viel mit Hunden arbeitet kommt man zwangsläufig mit dem Thema Gewalt in der Hundeerziehung in Berührung. Doch schon bei dem Wort „Gewalt“ gibt es verschiedene Meinungen dazu was überhaupt als Gewalt angesehen wird.
Grundsätzlich ist alles was dem Tier vermeidbare physische oder psychische Schmerzen zufügt Gewalt.
Offensichtliche Gewalt sind z.B. Schläge, Tritte, Zwicken, Leinenrucken, Stachelhalsband, Strom- und Würgehalsband. Nicht so offensichtlich sind diverse andere Methoden, die dann eher auf die Psyche des Tieres mittels Angst oder Unwohlsein einwirken. Hier werden gerne genommen Sprühhalsband, Wurfkette, Rütteldose, Wasserflasche aber auch Schreien, auf den Rücken schmeißen (Unterwerfen) und Drohen.
Erklärungen für das Anwenden von Gewalt in der Hundearbeit gibt es auch sehr viele:
– Die Psychologie macht es auch (behavioristische Lerntheorie positive Strafe)
– Mit sogenannten „Red Zone Dogs“ kann man nur so arbeiten
– Man muss dem Hund zeigen wer der Chef ist
– Machen Wölfe untereinander auch so
– Ohne Druck erreicht man gar nichts
– Dominanz muss man sich erarbeiten/erkämpfen

Aber wenn man ehrlich ist geht es eigentlich nur schneller und einfacher, wenn man mittels Strafe arbeitet. Denn es ist einfacher zu schimpfen, zu drohen oder zu zwingen als das Verhalten zu hinterfragen (warum tut mein Hund was er tut und wie zeige ich Ihm, dass ich das Verhalten nicht will).Denn dann müsste man eventuell eingestehen, dass der Hund einen nicht versteht weil man sich nicht verständlich machen kann (und so liegt der schwarze Peter eigentlich beim Halter und nicht beim Hund).
Auch sollte man sich fragen: Ist schneller Erfolg gleichbedeutend mit gelernt? Und wie nachhaltig ist dieses so „gelernte“ Verhalten?
Schaut man sich das Lernverhalten von Hunden an geht man heutzutage davon aus, dass der Hund von sich aus alles versucht um seinem Halter zu gefallen (es macht ja auch keinen Sinn absichtlich ein falsches Verhalten zu zeigen, dass würde unter Umständen sogar das Überleben in der Natur gefährden). Die Kunst ist also nur dem Hund verständlich zu machen was ich als Halter von Ihm will. Dabei besteht die Möglichkeit über positive Verstärkung zu arbeiten oder aber über Strafe bei Fehlern. Gegen positive Verstärkung wird dann gerne mit „Ich bin doch kein Leckerlieautomat“ oder „der Hund soll folgen, weil ich das will und nicht wegen der Belohnung“ argumentiert. So wird dann richtiges Verhalten als normal angesehen und Fehlverhalten gestraft. Was dabei gerne übersehen wird ist, dass Druck beim Hund negativen Stress, basierend auf Angst, erzeugt. Ein Hund im negativen Stress kann aber nicht lernen. Er wird in ein Meideverhalten gedrückt. Das heißt, der Hund wird nervös sein ganzes Können abrufen und darunter hoffentlich auch das vom Halter geforderte, so dass er der Strafe entgeht. Aber ist das gelernt? und wie lang hält das? Denn halten tut sowas normalerweise nur solange wie der Druck aufrecht erhalten wird, und gelernt wurde maximal das Sein Halter für Ihn unberechenbar ist. Daher entsteht auch nicht das gewünschte Vertrauen zwischen Hund und Halter, so dass dann jedes Training aufs Neue zu einer stressigen Herausforderung für Hund und Halter wird. Wenn nun die Rekonvaleszenszeit zwischen den Stresssituationen zu gering ist kann der Druck zu ernsten Problemen führen. Das kann von hyperaktiven, nervösen Stressbellern und Jaulern über unsichere ängstliche Hunde zu der erlernten Hilflosigkeit führen und im schlimmsten Fall kann daraus gefährliches Problemverhalten wie z.B. Aggression gegenüber anderen Hunden, dem Halter oder anderen Menschen führen.
Ab dem Moment kommt man in eine Zwickmühle. Denn durch Gewalt und Überforderung hat man den Hund in ein Fehlverhalten getrieben und versucht dann mit den gleichen Mitteln den Hund wieder „zu erziehen“.
Das bringt uns zu dem nächsten Punkt: Was bewirkt Gewalt in der Problemarbeit?
Zunächst muss man vorher natürlich abklären, warum das Verhalten gezeigt wird. Denn einem Hund der durch körperliche Schmerzen aggressives Verhalten zeigt, wird man mit Druck und Gewalt nicht helfen können und auch hormonelle Erkrankungen lassen sich durch Strafe nicht heilen. Aber ist jetzt Strafe wenigstens Mittel und Zweck bei erlerntem Fehl- oder Problemverhalten?
– Zwar kann ein durch Strafe unterdrücktes Verhalten zunächst wie ein Erfolg aussehen, aber was ist es wirklich? Angst! Und aus Angst hat noch niemand etwas gelernt. Das einzige was der Hund lernt (aber nur wenn man alles richtig umgesetzt hat was die Psychologie unter „Strafen um unerwünschtes Verhalten zu unterbinden“ vorschreibt, nämlich die richtige Strafintensität und der korrekte Zeitpunkt um einen genauen Bezug zu der Handlung herzustellen) ist das Verhalten zu unterlassen. Aber was er für Alternativen hat sagt ihm niemand. Daher kann man hier nicht von gelernt sondern nur von unterdrückt sprechen.
– Strafe ist auch nicht hilfreich negative Emotionen in positive Emotionen umzuwandeln. Das heißt, aus Angst wird durch Strafe keine Sicherheit und aus Wut/Aggression auch keine Freude. Oftmals ist es doch eher so, dass Strafen diese Emotionen noch verstärken und aus diesen Emotionen entstehen doch eigentlich erst viele Probleme.
– Genauso fatal kann es sein wenn der Hund die Strafe falsch verknüpft da er zu einem falschen Zeitpunkt und/oder in unangemessener Intension gestraft wurde. Dadurch schafft man mehr Probleme als man eh schon hatte.
– Auch darf man nicht vergessen, dass körperliche und auch psychische Gewalt gegen den Hund von diesem als direkter Angriff gegen sich gesehen wird. Das kann solange ohne Folgen bleiben solange die Bedrohung und der Druck aufrecht gehalten wird. Lässt dieser Druck aber nach ist die Gefahr groß, dass der Hund aggressiv antworten wird.
– Bei Hunden, die durch Gewalt in ein aggressives Verhalten gegen Menschen gebracht wurden ist die Gefahr des Gegenangriffs noch viel größer, da der Hund gelernt hat, Angriffe gegen Sich mit Aggression zu beantworten.
Ein weiterer interessanter Punkt in Bezug auf Strafe bei der Hundearbeit ist natürlich das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Hundeverordnung. Insbesondere zu nennen wären hier:
Tierschutzgesetz:
– §1 (… Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen)
– §3 Abs. 1,1a,1b und 5
– §11 Abs. 1 Nr.8f (Erlaubnispflicht für Hundetrainer)
Tierschutz-Hundeverordnung:
– §8 Abs. 1 (… zu pflegen und für Seine Gesundheit Sorge zu tragen.)

Das wirft noch einen anderen Punkt auf, den man unbedingt auch betrachten sollte. Was hat es den für Folgen für die Gesundheit des Hundes wenn man den Hund über diverse Strafen erzieht?
Viele werden natürlich die Geschichte von dem Hund kennen, der nach erfolgter Strangulation als erzieherische Maßnahme aufgrund von Spätfolgen eingeschläfert werden musste. Das ist natürlich ein Extremfall. Aber was kann denn alles passieren?
Der eine Punkt ist der körperliche Aspekt, gerade beim Leinenruck egal ob mit oder ohne Würge- oder Stachelhalsband. Diese gerne genommene Variante kann zu diversen Problemen führen. Zu nennen wäre da besonders:
– Verspannungen und Verhärtungen der Muskulatur gerade im Bereich der Halswirbelsäule
– Nervenschäden gerne auch im Halswirbelbereich
– Die Gefahr eines Bandscheibenvorfalls steigt an (in der ganzen Wirbelsäule)
– Die Gefahr das der Hund an Spondylose erkrankt steigt an
– Die Gefahr der Kehlkopfentzündung nimmt rapide zu, gerade wenn man dazu auch noch das Würgehalsband einsetzt. Diese kann chronisch werden und im schlimmsten Fall dazu führen, dass der Hund stumm wird.
– Was man auch gerne vergisst ist, dass der Augeninnendruck durch würgen und Leinenrucken ansteigt was die Augenkrankheit „grüner Star“ begünstigt.
Als weitere Variante wäre hier der Kick mit dem Fuß in die Seite des Hundes zu nennen, welcher, wenn er „richtig“ ausgeführt, auf die Nieren zielt. Er sieht zwar harmlos aus und die Niere ist durch eine Fettkapsel geschützt. Aber je nach Intensität kann das vom einfachen Schmerz über eine Nierenprellung bis hin zu Schädigungen der blutzuführenden oder harnableitenden Gefäße führen. Aber auch die anderen Bestrafungen können, je nach Intensität und Stelle wo sie eingesetzt werden, eine Vielzahl an körperlichen Folgen nach sich ziehen, wie Prellungen, Verstauchungen, gebrochene Knochen oder verletzte Organe.
Der andere Punkt ist der psychische Aspekt. Diesen Punkt haben die körperlichen Strafen (denn körperliche Strafen erzeugen Schmerz und/oder Angst und dadurch Stress) und psychische Strafen (sie erzeugen Angst und/oder Unwohlsein gerade durch Ihre Unberechenbarkeit zum Beispiel bei den Sprühhalsbändern u.ä.) gemeinsam. Dadurch kann es dann zu psychischen Problemen kommen. Ganz schlimm wird es, wenn man den Hund straft ohne ihm eine Alternative zu bieten. So weiß der Hund zwar dass sein (in diesem Moment für Ihn richtige) Verhalten bestraft wird (sprich für Ihn Schmerz oder Unwohlsein bedeutet) aber aufgrund mangelnder (da nicht gelernter) Alternative kann er kein anderes Verhalten zeigen. Dadurch kann es wieder zu verschiedenen negativen Auswirkungen kommen wie zum Beispiel:
– Meideverhalten
– Aversionen
– erlernte Hilflosigkeit,
– Aggressionen
– Depression.
– Stereotypien
Grundsätzlich sollte man aus diesen Gründen nicht vergessen, dass es auch anders geht. Auch wenn es über positive Verstärkung manchmal etwas schwieriger ist bis man in der Lage ist, seinem Hund das gewünschte Verhalten zu zeigen. Aber bei den dargestellten negativen Folgen von Gewaltanwendung glaube ich dass es sich lohnt. Die intensive positive Beschäftigung mit dem Hund fördert zudem die enge Beziehung zwischen Hund und Halter. Natürlich kann man jetzt sagen, dass jeder Hund ein Individuum ist und sein persönliches Lernprogramm braucht. Aber man sollte dabei immer bedenken, was ein auf Strafe basierendes Programm anrichten kann, es zum großen Teil auch Tierschutzrelevant ist und auf jeden Fall nicht schön für unseren Partner Hund.
Wer einen anderen Weg kennenlernen möchte darf sich gerne an Stressfrei Hund wenden.
Sachliche Kommentare sind willkommen und Teilen ist (unter Nennung des Verfassers und ohne Kürzungen/Änderungen o.ä.) erlaubt.

Thorsten Behnle-Napierala