Fleisch ist doch kein Tier

 

Die kleine Raupe Nimmersatt, Frederick die Maus, Fridolin das Schweinchen. Die ersten Bücher, die wir vorgelesen bekommen erzählen uns von der wunderbaren Welt der Tiere. Wir erleben unsere ersten Abenteuer mit ihnen, hoffen, bangen und freuen uns auf neue Geschichten. Als Stofftier sind sie unser bester Freund in der Nacht, sie schenken uns Trost, wenn wir traurig sind, wir reden und kuscheln mit ihnen. Die meisten von uns haben wohl auch später eine Verbindung zu einem echten lebenden Tier aufgebaut. Da ist vielleicht eine Katze mit der man jeden Tag nach der Schule kuschelte oder Hund mit dem man toben konnte. Vielleicht hat auch jemand ein Küken, das aus dem Nest gefallen war oder einen schwachen Igel vor dem Tod gerettet. Viele von uns haben ein Foto in ihrem Album, auf dem sie mit einem Tier kuscheln. In all diesen Momenten erlebten wir eine enge Beziehung. Sahen in dem Tier ein fühlendes, denkendes Wesen, ein Individuum mit eigener Persönlichkeit und eigenem Charakter. Gleichzeitig lag ein Stück Fleisch auf unserem Teller.

Wir denken nur: lecker!

Wie kann das sein, dass wir auf der einen Seite überaus mitfühlend mit Tieren sind? Dass es uns schmerzt, wenn vor unseren Augen ein Tier gequält wird, aber ein Schnitzel auf dem Teller löst nichts dergleichen aus? Es ist lecker, ein Stück Fleisch halt. Wir wissen, dass dafür ein Tier sterben musste, doch irgendwie berührt es uns nicht. Es schmeckt einfach nur gut.

Dieses seltsame Verhalten interessierte die Psychologin Melanie Joy so sehr, dass sie darüber ihre Doktorarbeit schrieb. In einem Vortrag auf YouTube erzählt sie davon, dass sie ein paar Wochen kein Fleisch mehr mochte, weil sie durch einen verdorbenen Hamburger sehr krank wurde. Und plötzlich wunderte sie sich darüber, dass sie als Kind mit der einen Hand ihren Hund streicheln und in der andern Hand ein Stück Schweinekotelett essen konnte. Gleichzeitig. Obwohl das Schwein doch wohl ein genauso intelligentes und empfindsames Wesen wie ihr Hund war. In Ihrem Kopf wurde durch die fleischlose Zeit plötzlich ein Schalter umgelegt. Sie sagt, dass wir beim Essen das lebende Tier komplett ausblenden und einen kleinen Selbstversuch entwickelt, mit dem man diesem blinden Fleck auf die Schliche kommt.

Der Blinde Fleck

Wir sollen uns vorstellen bei Freunden unglaublich leckere Fleischbällchen zu essen. Sie sind so gut, dass wir gleich nach dem Rezept fragen. Nun ja, sagt die Gastgeberin, das Geheimnis liegt im Fleisch. Man braucht ein schönes, mageres, gut abgehangenes Stück Golden Retriever. Die meisten fühlen sich bei diesem Gedanken unwohl.

Auch bei mir haben die zwei Monate, die ich für stern.de nur ausprobieren wollte, wie es sich anfühlt kein Fleisch mehr zu essen etwas verändert. Ich interessiere mich plötzlich dafür, woher das Fleisch kommt, unter welchen Umständen es erzeugt wird, wie die Industrie funktioniert, die dahinter steckt. Plötzlich verschwand der blinde Fleck und es gab keinen Unterschied mehr zwischen dem Tier, was vor kurzem auf meinem Teller lag und dem, welches in meiner Kindheit mein bester Freund war. Sie waren beide intelligente und empfindsame Wesen. Warum sollte ich das eine essen und mit dem andern befreundet sein?

Melanie Joy sagt, das kommt daher, dass wir normalerweise nicht darüber nachdenken, was auf unserm Teller liegt. Wir haben das immer schon so gemacht, wir sind so groß geworden und hinterfragen es nicht, es ist einfach so. Für sie ist dieses Verhalten tief in unserer Kultur verankert. Es fängt schon damit an, dass es keinen Namen für jemanden gibt, der Fleisch isst. Ein Vegetarier isst kein Fleisch, ein Veganer keine tierischen Produkte. Aber wie nennen wir jemanden, der weder Veganer, noch Vegetarier ist? Omnivor? Carnivor? Beides passt nicht, denn das sind Begriffe aus der Biologie, die beschreiben, womit sich ein Lebewesen ernähren muss oder kann. Sie beschreiben aber nicht eine moralische, ideologische oder philosophische Haltung, die dahinter steht. Joy meint, wenn es für etwas kein Wort gibt, dann kann man auch nicht wirklich darüber nachdenken und wenn man etwas nicht benennen kann, dann kann man es auch nicht in Frage stellen.

Wo leben die Tiere?

Wir müssen kein Fleisch essen um zu überleben. Es wird gerne angeführt, dass das aber natürlich sei Fleisch zu essen, unsere Vorfahren hätten das ja auch getan. Nun, es kommt darauf an, wie weit man auf dem Zeitstrahl zurück geht. Wollen wir wirklich mit dem Wertesystem eines Neandertalers leben? Wenn wir kein Fleisch essen müssen, dann bedeutet das aber auch, dass wir die Wahl haben, dass hinter Fleisch essen ein Glaubenssystem steckt. Joy nennt dies Karnismus.

Karnismus beschreibt sie als eine dominante, gewalttätige Ideologie, denn dahinter steckt das Töten. Solche Ideologien brauchen einen sozialen und psychologischen Schutzmechanismus, damit die Menschen mitmachen. Sie dürfen einfach nicht so genau wahrnehmen, an was sie da gerade so teilnehmen. Karnismus bringt uns dazu nicht zu fühlen, so Joy.

Die erste Schritt ist Verleugnung. Man hält die Opfer unsichtbar. Was man nicht sehen kann ist nicht vorhanden, dann kann es auch kein Problem geben. In Deutschland werden jedes Jahr 765 Millionen Tiere getötet. Wie viele davon haben wir gesehen? Ein paar Kühe auf der Weide? Wo sind die anderen Kühe? Wo die Schweine? Wo die Hühner? Die meisten Tiere werden industriell gehalten. In riesigen, fensterlosen Gebäuden. Schweinemastanlagen oder Hühnerställe kann man nicht besichtigen. Sie werden streng abgeschirmt. Weshalb eigentlich?

Was wir mit Tieren machen

Es gibt wohl kein Zweifel mehr daran, dass Tiere denken, fühlen und ein reiches soziales Leben führen. Doch was machen wir mit ihnen? Muttersäue werden in enge Käfige gesteckt in denen sie sich nicht umdrehen können. Männlichen Ferkeln werden ohne Betäubung die Hoden herausgerissen, schwache Ferkel totgeschlagen. Sind sie groß genug kommen sie ins Schlachthaus. Man tötet sie mit einem Kopfschuss, doch es muss schnell gehen, nicht jeder Schuss sitzt. Eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag ergab, dass das bei tausenden Tieren so schlecht läuft, dass sie unter Schmerzen qualvoll sterben. Männliche Küken legen keine Eier und wachsen zu langsam, so werden tausende von ihnen lebend geschreddert oder vergast. Den anderen werden die Schnäbel kurz geschnitten und man stopft sie in riesige Hallen ohne Licht. Entweder werden sie einen Monat lang gemästet oder sie müssen 15 Monate Eier legen. Danach werden sie geschlachtet. Kühen werden die Kälber weggenommen, damit wir die Milch für uns behalten können. Die meisten Kälber werden gemästet und dann getötet oder sie werden zur Milchkuh. Fische werden in riesigen Becken gezüchtet, die so vollgestopft sind, dass sie nur mit reichlich Antibiotika überleben können. Das sind alles keine Ausnahmen, sondern das ist Industriestandard. Der oscarnominierte Film Food Inc. beschreibt das am Beispiel internationaler Konzerne sehr anschaulich.

Auch die Menschen leiden

Die Tiere sind nicht die einzigen Leidtragenden der modernen Fleischindustrie. Die Arbeit der Menschen in den Schlachthäusern ist gefährlich, psychisch belastend, schlecht bezahlt und gesellschaftlich nicht anerkannt. Unsere Umwelt leidet ebenso unter den Folgen der Massentierhaltung, wie die Vereinten Nationen in ihrem Bericht Lifestock’s long Shadow schreiben.

Krankenkassen schlagen Alarm, weil wir durch zu hohen Fleischkonsum unsere Gesundheit ruinieren. Steuergelder wandern als Subventionen in die Fleischindustrie. Soll das alles normal sein?

Melanie Joy fordert uns auf darüber nachzudenken und in uns zu gehen. Wir sollen die Tradition der Massentierhaltung in Frage stellen. Sie vergleicht diesen Schritt mit den ersten Menschen, die Sklaverei in Frage gestellt haben. Auch sie waren nicht einverstanden mit einem dominanten und gewalttätigen System. Sie haben ihre Gefühle zugelassen. Und wenn man das tut, dann ist plötzlich ein Schnitzel mehr als ein Stück Ware aus der Kühltheke des Supermarkts.